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Die zwei Frauen: Madame Torheit und Dame Weisheit (Sprüche 7-9)

Einleitung

Während meiner Zeit als Student am Priesterseminar nahm ich die Gelegenheit wahr, zwei Polizisten als Beobachter zu begleiten. Diese patrouillierten durch ein Viertel mit relativ hoher Kriminalität, eines, in dem zahlreiche Bars und andere Etablissements die sündige Natur des Menschen bedienten. Das größte Rätsel war mir dabei die Art, wie sie zu erkennen schienen, mit wem sie es zu tun hatten. Sie zeigten beispielsweise auf eine junge Frau, die eine Prostituierte sei. Dann identifizierten sie deren Zuhälter. Ich konnte nicht verstehen, wie sie das machten. Es war, als ob diejenigen Namensschilder tragen würden. Wie konnten sie so einfach die Prostituierten von den anderen jungen Frauen um sie herum unterscheiden? Tatsache war, dass sie eine ganze Menge mehr über eine bestimmte Art von Frauen wussten als ich.

In Sprüche 1-9 erzählt uns Salomo sehr ausführlich über zwei unterschiedliche Arten von Frauen: Dame Weisheit und Madame Torheit.18 Aus dem ersten Kapitel der Sprüche haben wir bereits gelernt, dass wir uns vom Weg der schlechten Männer fernhalten müssen; nun werden wir gewarnt, dass auf dem Weg des Bösen auch verführerische Frauen sind. In den Kapiteln 1-9 weiß uns Salomo Vieles zu lehren bezüglich der Unterschiede zwischen den beiden erwähnten Arten von Frauen. Darüber hinaus werden wir feststellen, dass diese zwei Frauen zwei Wege personifizieren, den Weg der Weisheit und den Weg der Torheit. Hören wir also genau auf die Warnung der Sprüche vor der falschen Art von Frauen.

Ein charakterlicher Kontrast

Das herausragende Thema von Sprüche 1-9 ist der Kontrast zwischen Dame Weisheit und Madame Torheit. In jedem dieser einleitenden Kapitel finden wir entweder Madame Torheit (2:16-19; 5:1-14; 6:20-35), Dame Weisheit (1:20-33; 3:13-18; 4:5-9; 8:1-36), oder beide (7:1-4, 5-27; 9:1-6, 13-18). Der Weg der Weisheit wie auch der Weg der Torheit werden durch Frauen personifiziert. Dies erscheint besonders bedeutsam in Anbetracht der Tatsache, dass in den Sprüchen eine Anleitung vom Vater für den Sohn wiedergegeben wird. Wenn es etwas gibt, das ein Vater seinen Sohn lehren sollte, ist es die Art von Frauen, an die er sich halten, und die Art von Frauen, die er meiden sollte. Dame Weisheit und Madame Torheit sind literarische Mittel, um einen jungen Mann auf zwei Ebenen zu belehren, auf der buchstäblichen und auf der bildlichen.

Lassen Sie uns zunächst die Charaktere dieser zwei Frauen gegenüberstellen. Madame Torheit ist keine Prostituierte, sondern eine Ehebrecherin (2:16, New American Standard Bible). Sie verlässt den Gefährten ihrer Jugend (2:17). Wer dumm genug ist, sich mit ihr einzulassen, bekommt es mit einem wütenden Ehemann zu tun (6:29-35). Sie muss ihr Opfer daher beruhigen, dass ihr Mann nicht zu Hause ist und nicht so bald zurückkehren wird (7:19-20).

Madame Torheit ist gottlos und unmoralisch. Sie vergisst den Bund ihres Gottes (2:17). Oft wird sie eine fremdländische Frau genannt (2:16, NASB, Randnote), so dass sie wohl eher einer heidnischen Religion zuneigt als einem lebendigen Glauben an den Gott Israels. Derselbe Ausdruck fremdländische Frau taucht auch in 1. Könige 11:1 auf, bei den fremdländischen Frauen, die Salomo heiratete und die sein Herz vom Herrn abwandten. Madame Torheit ist unvernünftig und einfältig (9:13). Sie denkt nicht über ihren eigenen Weg nach, noch über die Tatsache, dass dieser Andere zum Tode führen kann. Sie schämt sich ihrer Sünden nicht: (4:6)

So ist der Weg einer ehebrecherischen Frau: Sie isst und wischt sich den Mund ab und sagt: Ich habe nichts Unrechtes getan. (Spr 30:20).

Dem gegenüber wird die Weisheit personifiziert als eine Jungfrau, an die ein weiser Sohn sich halten und zu der er ein angemessenes und doch enges Verhältnis suchen sollte. Während ein junger Mann Madame Torheit aus dem Weg gehen sollte, sollte er der Weisheit nachstellen wie einer Frau, die bald seine Braut werden wird.

Sie ist kostbarer als Juwelen, und Alles, was du wünschen magst, kann ihr nicht gleichkommen (3:15).

Verlasse sie nicht, und sie wird dich bewahren; Liebe sie, und sie wird dich behüten. Der Weisheit Anfang ist: Erwirb Weisheit, Und mit Allem, was du erwirbst, erwirb Einsicht. Schätze sie hoch, und sie wird dich erhöhen; Sie wird dich ehren, wenn du sie umarmst (4:6-8).

Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester.19 Und nenne die Einsicht deine Busenfreundin (7:4).

So wie Madame Torheit gottlos ist, ist Dame Weisheit gottähnlich. Die Weisheit, wie sie in den Sprüchen dargestellt wird, ist keine abstraktes Ding, sondern eine Person. Sie bietet den Menschen ihren Geist an (1:23). Sie behütet Menschen und bewahrt sie vor dem Weg des Todes (1:33; 2:16ff.; 4:6-9). In Vers 3:18 wird sie ein Baum des Lebens genannt, ein Ausdruck, der uns vom Garten Eden (Gen 2:9; 3:22) und vom Paradies in Offenbarung 22:2 her bekannt ist. In Sprüche 3:19-20 und 8:22-31 wird die Weisheit als ewig beschrieben und als Eine, die an der Schöpfung der Welt teilhatte. Es geht vielleicht zu weit zu sagen, wir könnten aus dieser Beschreibung der Weisheit dogmatisch schließen, dass sie sich auf den Herrn Jesus Christus bezieht. Aber sie lässt sicherlich Raum für eine solche Gleichsetzung. Meiner Meinung nach sind die Ähnlichkeiten hier mehr als zufällig.

Die Weisheit wie auch die Torheit werden portraitiert als jemand, der die Männer verfolgt und sie drängt, auf seinem Weg zu gehen. Madame Torheit ruft zu denen, die vorüber gehen, zu denen, die ihre Wege gerade machen (9:16), aber ganz besonders ist sie hinter den Einfältigen her, denn diese sind am anfälligsten und werden ihr wahrscheinlich folgen (7:6ff.). Auch die Weisheit ruft zu den Einfältigen und den Toren und drängt sie, ihre Torheit aufzugeben und dem Weg der Rechtschaffenheit und Weisheit zu folgen (1:22ff.; 8:4-5; 9:4).

Dame Weisheit und Madame Torheit mögen wohl die gleichen Männer verfolgen, doch ihre Botschaft und ihre Methoden unterscheiden sich gravierend. Dame Weisheit warnt die Menschen vor dem Tod und der Vernichtung, denen alle, die auf dem Weg der Torheit bleiben, anheim fallen werden (1:24ff.). Sie erzählt den Menschen nicht das, was sie hören wollen, sondern das, was sie hören müssen, wenn sie vor dem Tode bewahrt werden wollen. Dame Weisheit spricht geradeheraus und sie spricht von den vornehmen Dingen (8:6-8). Sie bietet ihre Lehren und Gebote an (7:1-2), wie auch Ratschlag und fundierte Weisheit (8:14). Sie verspricht Sicherheit (1:33), Frieden, Langlebigkeit, Reichtum und Ehre (3:16-17) und, Allem voran, Leben (3:18).20

Madame Torheit verschwendet keinen Gedanken an ihr eigenes Schicksal (5:6; 9:13), noch weist sie die Menschen darauf hin, dass ihr Weg unweigerlich zum Tode führt (2:18-19; 6:26; 7:22-23; 9:18). Wenn Dame Weisheit das Geistige im Menschen anspricht, so stimuliert Madame Torheit die sinnlichen Bedürfnisse des Einfältigen. Sie kleidet sich verführerisch (7:10) und spricht erotisch von ihrem Bett mit Gewürzen und teuren Decken (7:16-17). Sie bietet an, ihr Opfer mit Liebe zu sättigen.

Madame Torheit hat zwar äußerlich einige Schönheit zu bieten, ich bin mir aber nicht sicher, dass sie wirklich so schön ist, wie wir annehmen könnten. In Sprüche 2:17 wird uns gesagt, dass sie den Gefährten ihrer Jugend verlässt. Sie ist also offenbar eine Frau, die schon etliche Jahre verheiratet ist. Vielleicht bedeckt Makeup ihre Falten, und ihr seidiges schwarzes Haar ist das Resultat einer Färbung, mit der sie die grauen Haare zudeckt, die mit dem Alter kommen.

Ob sie mir zustimmen oder nicht, dass Madame Torheit doch nicht ganz so jung und schön ist – ich will zugeben, dass sie eine gewisse äußerliche Schönheit besitzt (6:25). Aber ihre Hauptwaffe ist nicht die Schönheit, es ist ihre Zunge.

Denn die Lippen der Ehebrecherin träufeln von Honig, Und glatter als Öl ist ihre Sprache; Aber am Ende ist sie bitter wie Wermut, Scharf wie ein zweischneidiges Schwert (5:3-4; vgl. auch 2:16; 7:5; 22:14).

Das Einzige, was Madame Torheit besser beherrscht als irgend jemand sonst, ist ihrem Opfer zu schmeicheln. Es gibt eine Art Sprichwort: Liebe geht durch den Magen. Madame Torheit weiß das, und eine Einladung zum Abendessen ist Teil ihrer trickreichen Verführung (7:14). Der beste Weg aber, einen Mann zu entwaffnen, besteht darin, an sein Ego zu appellieren, und Madame Torheit spricht den jungen Mann mit den folgenden Worten an:

Darum bin ich ausgegangen, dir entgegen, um deine Gegenwart zu suchen, und ich habe dich gefunden (7:15).

In Wahrheit war Madame Torheit auf der Suche nach irgendeinem Mann, der töricht genug wäre, ihren Annäherungsversuchen nachzugeben. Aber sie vermittelt diesem jungen Mann den Eindruck, dass von allen Männern, die sie haben könnte, er derjenige ist, den sie wirklich begehrt.

Meine persönliche Meinung ist, dass das männliche Ego hauptsächlich dafür verantwortlich ist, wenn ein Mann Bereitschaft zu unmoralischem Verhalten entwickelt. Auf Frauen mag das genauso zutreffen. Allerdings glaube ich damit nicht, dass Schmeichelei die beste Art ist, seinen Ehepartner an sich zu binden. Schmeichelei wird in den Sprüchen immer verurteilt (vgl. 26:28; 28:23; 29:5). Was ich glaube ist, dass es gesund und weise ist, unserer Wertschätzung für die positiven Eigenschaften des Ehepartners Ausdruck zu verleihen. Wer, wenn nicht der Ehemann einer tüchtigen Frau, sollte sie sonst an den Toren preisen (31:31)?

Eines der bemerkenswerten Dinge an Madame Torheit ist, dass auch sie geschickt ist im Umgang mit Sprichworten. Wenn sie ihre Beute verführen will, zitiert sie den Spruch:

Gestohlenes Wasser ist süß; Und heimlich gegessenes Brot ist lieblich (9:17).

Während Dame Weisheit reine Wahrheit spricht, proklamiert Madame Torheit dreist die Unvernunft. Sie entschuldigt die Sünde nicht, noch sucht sie Ausreden dafür. Tatsächlich stellt sie die Sünde sogar offen zur Schau, denn gerade die Tatsache, dass ein Verhältnis mit ihr unerlaubt ist, macht es ja so reizvoll. Gestohlenes Wasser, so legt sie uns nahe, ist süßer als vom eigenen Brunnen zu trinken (vgl. 5:15). Gerade die Sündhaftigkeit ist das Aufregende für den Unvernünftigen, und sie hat keine Hemmungen, daraus Kapital zu schlagen.

Auf Madison Avenue kann Madame Torheit nichts mehr lernen. Sie weiß schon, dass Werbung sich lohnt. Ihre Methoden unterscheiden sich von denen der geschicktesten Werbeagenturen in keiner Weise und sind ihnen auch kein bisschen unterlegen. Im Kern appelliert sie an die fleischlichen Bedürfnisse ihres Opfers. Sie stellt ihm ein üppiges Mahl in Aussicht und eine sexuelle Erfahrung, die seine wildesten Phantasien wahrmacht. Sie versichert ihm, dass keine Gefahr besteht, erwischt zu werden. Sie betont momentanes, kurzlebiges Vergnügen und bagatellisiert die langfristigen Konsequenzen.

Haben Sie einmal bewusst die Werbung der letzten Zeit auf Plakatwänden und im Fernsehen analysiert? Alles, vom Deodorant bis zum Geschirrspülmittel, wird von Frauen verkauft, die, in sinnliche Gewänder gekleidet, unsere tiefsten Gelüste ansprechen. Wir werden ermutigt, unsere Bedürfnisse jetzt zu befriedigen und nicht bis später damit zu warten. Wir bekommen kleine Karten aus Plastik, damit wir nicht länger auf all das warten müssen, was wir uns wünschen, und wir werden nicht mehr dazu gebracht darüber nachzudenken, dass wir am Ende Monat für Monat etwas abzahlen werden, was wir eigentlich gar nicht gebraucht hätten. Madison Avenue und Madame Torheit wollen uns leben lassen, als gäbe es kein Morgen. Sie bieten uns einen kurzfristigen Rausch, für den wir langfristig schmerzhaft bezahlen müssen.

Wenn wir diese zwei Frauen, Dame Weisheit und Madame Torheit, zum Nennwert nehmen, können wir daraus eine Lektion lernen: die vordringliche Wichtigkeit sexueller Reinheit. Salomo wusste, dass es nur wenige größere Gefahren gibt als die sexuelle Unreinheit. Er und die anderen Schreiber der Sprüche hatten viel zu diesem Thema zu sagen, und wir wissen, dass das auch der Grund war für den Niedergang Salomos (1.Kö 11:1ff.) und seines Vaters David (2.Sa 11). Fremdländische Frauen wurden zum Fallstrick für Samson (Ri 14-16) und für das Volk Israel (Num 25:1ff.). Sexuelle Reinheit hat Priorität für den, der gottgefällig und weise sein möchte.

Die Sprüche erinnern uns Eltern daran, dass wir nicht prüde sein sollten, wenn es darum geht, unsere Kinder offen über die Gefahren sexueller Sünde aufzuklären. Über Sex spricht man offen und doch diskret. Wenn wir etwas dagegen haben, dass unsere Kinder auf der Straße oder in der Schule aufgeklärt werden, sollten wir sicherstellen, dass wir so vorgehen, wie es der weise Vater tat, der seinen Sohn lehrte, um welche Frauen er sich bemühen und welche Frauen er meiden sollte.

Ich bin Vater von fünf Töchtern. Ich habe keinen Sohn, der eine solche Warnung brauchte, aber die Lehren aus den Sprüchen betreffen ganz genauso meine Töchter. So wie die Sprüche einen jungen Mann instruieren, um welche Frauen er sich bemühen und welche er meiden sollte, so lehren sie auch meine Töchter, welche Art von Frau zu sein sie durch Gottes Gnade anstreben sollen. Die Welt unterstützt das Vorbild der Madame Torheit: Populäre Filmstars, glamouröse Models, die Frauen in der Werbung – genau das sind diejenigen, deren moralische Einstellung sündig ist und deren Schlichen und Schmeicheleien denen von Madame Torheit gleichen. Man macht den Mädchen weis, dass sie Bestätigung finden können, wenn sie ihren Körper zur Schau stellen, provozierende Kleidung tragen, sinnliches Parfüm oder Lidschatten auftragen, und so fort. Die gottgefällige Frau, Dame Weisheit, ist nicht gerade ein Vorbild, mit dem unsere jungen Frauen vertraut sind, und es klingt fremd in unseren Ohren, wenn wir die Worte aus Kapitel 31 lesen:

Anmut ist Trug und Schönheit ist nichtig, Aber eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll gepriesen sein (31:30).

Für jeden Mann und für jede Frau, die Gottgefälligkeit anstreben, ist es von Nutzen, sich mit Dame Weisheit und Madame Torheit zu beschäftigen. Frauen werden dadurch gemahnt, nicht zum geistlichen Straucheln eines Bruders in Christus beizutragen. Christliche Frauen werden angewiesen, sich nicht um äußerliche Zier zu sorgen, sondern um den inneren Charakter (1.Tim 2:9-10; 1.Pe 3:1-6). Wenn Christinnen nicht auf ihre Kleidung und ihr Benehmen achten, können sie einen Bruder in Christus zur Sünde in Gedanken und in Taten verführen.

Das Buch der Sprüche ist aber auch eine notwendige Lektüre für Männer, die gottgefällig und frei von Unmoral zu sein anstreben. Die Sprüche lobpreisen die Weisheit und machen uns nicht nur die Gefährlichkeit der Madame Torheit bewusst, sondern auch den Wert einer gottgefälligen Ehefrau (18:22; 19:14; 31:10-31). Wir werden ermutigt, sexuelle Befriedigung in der Reinheit einer ehelichen Vereinigung zu finden (5:15-23). Und wann immer wir feststellen, dass ein unmoralischer Gedanke in uns auftaucht, sollten wir ernsthaft darüber nachdenken, was uns die Sprüche über das unausweichliche Ende der Unmoral – nämlich Schande, Ausschweifung und Tod – sagen (2:18-19; 5:7-14).

Die zwei Frauen entsprechen zwei Wegen

Dame Weisheit und Madame Torheit erteilen uns wertvolle Lektionen auf dem Gebiet von Sex und Ehe, aber ich glaube, sie lehren uns viel mehr als das. Sie unterweisen uns nicht nur über zwei Arten von Frauen, sondern sie personifizieren auch zwei Arten zu leben – den Weg der Weisheit und den Weg der Torheit. Ich werde jetzt versuchen, fünf Argumente aufzuzeigen, aus denen für den Leser der Sprüche hervorgeht, dass Dame Weisheit und Madame Torheit diese zwei Arten zu leben darstellen sollen.

1. SOWOHL DAME WEISHEIT ALS AUCH MADAME TORHEIT WERDEN IN DEN SPRÜCHEN ALS WEGE BEZEICHNET. Im ersten Kapitel warnt die Weisheit diejenigen, die sie ablehnen, dass sie übersättigt von den Früchten ihres eigenen Weges werden (Vers 31). In Kapitel 2 wird von der Weisheit gesagt, dass sie einen Mann vom Weg des Bösen abhält (Vers 12), und das wird in den folgenden Versen weiter ausgeführt. Der Weg des Bösen ist der Weg der schlechten Männer (Vers 12b-15) und der Weg der ehebrecherischen Frau (Vers 16-22). In den Versen 12-22 findet man achtmal die Worte Weg oder Pfad, die die Tatsache betonen, dass der Weg des Bösen der Weg niederträchtiger Frauen und gewalttätiger Männer ist. Wiederholt werden im ersten Kapitel der Sprüche sowohl die Weisheit als auch die Torheit als Wege beschrieben (vgl. auch 3:31; 4:11,14; 5:21; 6:23; 7:24-27; 8:13,20; 9:6,15). Die Schlussfolgerung daraus muss sein, dass Dame Weisheit und Madame Torheit nicht einfach Frauen darstellen: sie personifizieren zwei Wege, den Weg der Weisheit und den Weg der Torheit.

2. DER UNTERSCHIED ZWISCHEN DAME WEISHEIT UND MADAME TORHEIT IST EIGENTLICH NICHT DER ZWISCHEN EINER GUTEN UND EINER SCHLECHTEN EHEFRAU. Dame Weisheit entspricht derjenigen Art von Frauen, mit denen ein junger Mann eine Ehe anstreben sollte, und Madame Torheit der Art von Frauen, mit denen ein junger Mann sich nicht einlassen sollte. Und doch liegt beim Unterschied zwischen den beiden Frauen die Betonung nicht auf dem Gebiet von Sex und Ehe. An anderer Stelle im Buch der Sprüche wird die falsche (vgl. 19:13; 30:23) ebenso wie die tüchtige Ehefrau (31:10-31) beschrieben, aber hier stellt Salomo nicht einfach zwei Arten von Frauen gegenüber, um deren Hand man anhalten könnte. Ich möchte argumentieren, dass die Eine zu erwählen und die Andere zurückzuweisen nicht zu einer guten oder schlechten Ehe führt, sondern zum Leben oder Tod. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass wir hier zwar viel über die richtige Ehefrau lernen können, das aber nicht die vorrangige Lektion für uns ist.

3. ES GIBT NICHT NUR ZWEI ARTEN VON FRAUEN. Wenn Salomo uns über Frauen belehren wollte, müsste er viel mehr Arten von Frauen beschreiben als nur zwei. Ich hörte Bill Gothard einmal sagen, dass in den Sprüchen immer die Frau die Aggressive, die Verführende sei, und ich hatte damals den Eindruck, Bill folgerte daraus, dass es im Leben immer so wäre. Das glaube ich nicht. Die Untreue, die ich bisher unerfreulicherweise in christlichen und nicht-christlichen Ehen erleben musste, ging meistens nicht von der Frau aus, sondern vom Mann. Ich glaube nicht, dass Salomo uns aus seinen Worten folgern lassen wollte, es sei meistens die Frau, die den Mann verführt. Vielmehr glaube ich, dass in den Sprüchen Madame Torheit als Aggressor dargestellt wird, weil sie den Weg des Bösen personifiziert. Wenn auch nicht alle Frauen versuchen, Männer zu verführen, so sucht doch Satan aggressiv die Menschen von Gott fort und auf den Weg des Bösen zu ziehen. Mit anderen Worten, die Verführerin in den Sprüchen ist eine Frau, weil eine Frau, Madame Torheit, die Sünde personifiziert.

4. IN DEN SPRÜCHEN WIRD ÜBER DAME WEISHEIT UND MADAME TORHEIT IN BILDERN GESPROCHEN. Jeder, der die Sprüche als Weisheitsliteratur liest, erkennt, dass Vieles von dem, was darin gesagt wird, nicht wörtlich sondern bildlich zu verstehen ist. In Vers 9:1-6 wird Dame Weisheit beispielsweise als eine tüchtige und fleißige Frau beschrieben, die ihr eigenes Haus gebaut, ein Festmahl vorbereitet und ihre Mägde ausgesandt hat, um Menschen zum Essen einzuladen. Wenige Menschen würden wohl darauf bestehen, dass man diese Passage wörtlich nehmen sollte und dass die Weisheit wirklich die Menschen mit Essen versorgen will. Das Festmahl ist ein Bild, eine Metapher, die den reichen Ertrag dessen illustriert, was die Weisheit zu bieten hat, und dazu auch die umfassende Einladung an die Menschen, diesen Ertrag zu sich zu nehmen. Warum befinden wir es dann für nötig, das Bett von Madame Torheit immer wortwörtlich zu verstehen, wenn wir das Festmahl bildlich nehmen? Wir müssen das Bett der Madame Torheit zwar meiden – aber ist das Alles, was der Weg des Bösen zu bieten hat? Ich denke, nicht. Das Bett der Unmoral muss gemieden werden, aber es gibt neben dem Ehebruch noch viele andere Erscheinungsformen des Schlechten.

5. NICHT ALLE AUF DEM WEG DER TORHEIT SIND GEWALTTÄTIGE MÄNNER. Im ersten Kapitel der Sprüche malt Salomo für den Leser die zwei Wege zu leben aus. Der Weg des Bösen wird dabei in Vers 10-14 mit dem Bild der niederträchtigen und gewalttätigen Männer beschrieben. Die meisten werden mir wohl zustimmen, wenn ich sage, dass Gewalt eine Möglichkeit des Bösen ist, mit der wir fertig werden müssen, aber dass die Mehrheit derjenigen, die den Weg der Weisheit abgelehnt haben, nicht mit den Begriffen aus Vers 10-14 beschrieben werden kann. Aus Sprüche 2 lernen wir dann, dass der Weg des Bösen uns auf zwei Arten gefährlich werden kann: erstens als Weg niederträchtiger Männer (Vers 12-15), zweitens aber auch in den Schlichen der Madame Torheit (Vers 16-22). Deshalb möchte ich vorschlagen, dass man Madame Torheit am besten als den personifizierten Weg der Torheit versteht.

Das bedeutet nicht weniger, als dass Madame Torheit die beste Metapher für die Botschaft und die Methoden darstellt, die Satan meistens zur Täuschung und Vernichtung der Menschen einsetzt, die nicht den Weg der Weisheit gewählt haben. Ebenso wie Madame Torheit wird Satan unsere sinnlichen Bedürfnisse ansprechen und so darauf hinarbeiten, dass der Kelch der Leidenschaften und Sehnsüchte immer bis zum Rand gefüllt ist. Er wird die Attraktivität eines momentanen Vergnügens zu zeigen suchen und gleichzeitig die unausweichlichen Folgen davon verharmlosen. Er wird unsere Neigung unterstützen, Gottes Gebot zu missachten und die Weisheit zurückzuweisen, indem er betont, wie anregend und spannend es ist zu sündigen. Im Endeffekt aber wird Satan die Menschen dadurch auf eben dem Weg der Vernichtung halten, den er selber verfolgt; und die ihm folgen – wie auch die, die Madame Torheit folgen – werden die gleichen Konsequenzen zu spüren bekommen wie ihr Führer.

Madame Torheit ist nicht einfach eine verführerische Frau, noch eine allgemein unmoralische Frau – sie personifiziert ein System, durch das Männer und Frauen auf dem Weg der Vernichtung geführt werden. Diejenigen auf dem Pfad der Torheit rauben nicht unbedingt unschuldige Opfer aus oder verletzen absichtlich andere Menschen (1:10-14); aber sie haben sich doch dazu entschieden, den Weg der Weisheit zu verwerfen. Sie haben sich entschieden, einem Weg zu folgen, der Vergnügen für den Augenblick verspricht, und die Zukunft dabei außer Acht zu lassen.

Im Kolosserbrief warnt Paulus die Gemeinschaft der Heiligen davor, gefangen zu werden durch die Philosophie und durch leere Täuschung, gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den elementaren Prinzipien der Welt, und nicht gemäß Christus (Kol 2:8). Dieses System ist zunächst und vor Allem deshalb falsch, weil es Christus ablehnt, in dem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind (Kol 2:3). Es befürwortet zwar nicht offen Habgier und Gewalttätigkeit, es fördert noch nicht einmal die Unmoral. Nein, in diesem Falle versucht das ehebrecherische System, menschliche Gerechtigkeit auf Askese und Selbstverleugnung zu gründen (Kol 2:20-23):

Wenn ihr nun mit Christus zusammen den elementaren Prinzipien der Welt gegenüber abgestorben seid, warum unterwerft ihr euch dann, als ob ihr weiterhin in der Welt leben würdet, Verordnungen wie Fasse dies nicht an, koste das nicht, berühre das nicht! (die sich doch alle auf Dinge beziehen, die zur Vernichtung durch den Verbrauch bestimmt sind) gemäß den Geboten und Lehren von Menschen? Dies sind Dinge, die sicherlich einen Anschein von Weisheit haben in selbstgewählter Frömmigkeit und Selbsterniedrigung und strenger Behandlung des Leibes, aber sie haben keinen Wert im Kampf gegen die Hingabe an fleischliches Verlangen (Kol 2:20-23).

Satan kümmert es nicht, auf welcher Spur sich jemand auf der Autobahn zur Vernichtung befindet. Einige werden die Spur von Habgier und Gewalttätigkeit wählen, andere möglicherweise die von Selbstverleugnung und Askese. Einige wird Satan offen zur Sünde verführen, während er andere mit übermäßig strengen Regeln und Vorschriften täuscht (vgl. 1.Tim 4:1-5). Das Unterscheidungsmerkmal für den Weg der Torheit ist, dass dieser mit der Ablehnung Gottes beginnt, mit der Weigerung, den Herrn zu fürchten (Spr 1:7,29). Satan lässt den Menschen sehr viel Spielraum bei der Gestaltung des Weges, auf dem sie zur Hölle fahren. Es ist ihm egal, wie man lebt, solange man in seinem Leben auf sich selbst statt auf Gott vertraut und seinen eigenen Weg geht statt den engen Pfad der Weisheit.

Keine Entscheidung in deinem Leben ist wichtiger als die Wahl, wem du folgen willst: Willst du der Dame Weisheit folgen oder der Madame Torheit? Wirst du dich entscheiden, dich Jesus Christus zu unterwerfen oder Satan zu folgen? Der Weg der Weisheit ist der Weg des Glaubens. Dazu gehört das Vertrauen darauf, dass Gott Sein Wort hält, dass Er dich in Ewigkeit erlösen und segnen will. Der Weg der Weisheit erfordert es, dass du das Vertrauen in dich selbst aufgibst und nur auf Jesus Christus für dein ewiges Leben vertraust (Spr 3:5-6; Joh 14.6). Der Weg der Weisheit erfordert Disziplin und Selbstverleugnung; aber er wird dir Frieden, Sicherheit und ewiges Leben bringen.

Kapitel 11 des Hebräerbriefes ist als Glaubens-Halle bezeichnet worden. Mitglieder der Glaubens-Halle – Männer und Frauen – sind die, die sich entschieden haben, in der Gegenwart Leid zu auf sich zu nehmen und ihren Lohn in der Zukunft zu erwarten:

Durch Glauben wollte Moses, als er erwachsen geworden war, nicht mehr der Sohn der Tochter Pharaos genannt werden; sondern er wollte lieber mit dem Volk Gottes schlecht behandelt werden als die vergänglichen Annehmlichkeiten der Sünde zu genießen; und achtete die Schmach Christi als größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens, denn er richtete den Blick auf die Belohnung hin (Heb 11:24-26).

Wie die Dame Weisheit ruft Jesus Christus dich an, dass du deinen schlechten Weg verlassen und Ihm folgen mögest. Wirst du weiterhin nur den Genuss des Augenblicks suchen, oder wirst du den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens wählen, der zur ewigen Erlösung führt? Jesus Christus ist dieser Weg (Joh 14:6). Durch den Glauben an Ihn darfst du den Weg betreten, der zum Leben führt.

Christlicher Freund, Madame Torheit kreuzt oft unseren Weg und ruft zu denen, die ihre Wege gerade machen (Spr 9:15). Sie wird unsere Aufmerksamkeit auf die vergänglichen Annehmlichkeiten der Sünde richten und die damit verbundenen Konsequenzen verharmlosen. Sie wird uns drängen, nicht an die Zukunft zu denken und nur für den Augenblick zu leben. Wir dürfen nicht auf sie hören, denn wir sind nur Fremde und Pilger auf der Erde:

Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilgrime, euch der fleischlichen Lüste zu enthalten, die doch mit der Seele im Streit liegen (1.Pe 2:11).


18 Die Titel “Dame Weisheit” and “Madam Torheit” habe ich entnommen aus James L. Crenshaw, Old Testament Wisdom (Atlanta: John Knox Press, 1981), S. 72.

19 Das hebräische Wort, das hier als Schwester wiedergegeben wird, wird im Hohen Lied (4:9,10,12; 5:1,2) im Sinne von Geliebte gebraucht. Auch hier scheint es diesen Unterton zu haben. Dem entsprechend wird der junge Mann angehalten, die Weisheit als ein Liebender und intimer Freund zu verfolgen, in gesundem Gegensatz zu Madam Torheit.

20 Leben und Tod waren zwar Begriffe, die sich primär auf irdische Segnungen oder Notlagen bezogen, man kann aber zumindest implizieren, dass es Leben und Tod auch jenseits des Grabes gebe. Nach einer aufschlussreichen Diskussion über Leben und Tod schlussfolgert Kidner: Ein Leben nach dem Tode liegt jenseits des Horizonts der Sprüche … Aber es gibt zwei Aussagen über den natürlichen Tod, die doch auf eine gewisse Hoffnung oder ein Vertrauen aufmerksam machen, das der Böse an diesem Punkt verwirkt (11:7, wenn ein schlechter Mensch stirbt, geht seine Hoffnung zugrunde) und der Gute sich erhält (14:32, ..., aber der Gerechte hat Hoffnung in seinem Tode). Erst durch spätere Offenbarungen sollten diese Andeutungen weiter ausgefüllt werden; bis dahin inspirierte die bloße Versicherung, dass jemandes Mühen nicht umsonst im Herrn waren, eine Hoffnung, die am Ende eine vollständige Erfüllung suchen und finden sollte. Derek Kidner, The Proverbs (Chicago: Inter-Varsity Press, 1964), S. 56.

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