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Weisheit und Kindererziehung (Teil II)

Die Natur eines Kindes

Einleitung

Ich habe einen Freund, der inzwischen als Chirurg in den Südstaaten arbeitet. Nachdem er sein Medizinstudium und die Assistenzarzt-Zeit beendet hatte, wurde er einem Airforce-Stützpunkt in der Mojave-Wüste in Kalifornien zugeteilt. Dort nahm er ein Hobby auf, dem ich auch sehr gerne nachgehe: Motorradfahren. Als er einmal alleine durch die Wüste fuhr, hatte er einen Unfall. Dabei brach er sich ein Bein, außerdem waren an seinem Motorrad mehrere Hebel beschädigt. Unter den gegebenen Umständen war er nicht mehr in der Lage, die Bremsen an seinem Motorrad zu benutzen, und doch musste er ja zurück zum Stützpunkt fahren, um sich dort medizinisch versorgen zu lassen. In der Wüste gibt es keine Verkehrszeichen; daher war das zunächst nicht weiter problematisch. Sobald aber mein Freund (der keine Uniform trug) wieder auf dem Stützpunkt war, wurde er von einem M.P. angehalten, weil er ein Stopp-Zeichen überfahren habe. Der Sergeant nahm den „Gesetzesbrecher“ beiseite und begann ihm prompt einen Vortrag zu halten. Aber mein verletzter Freund ließ sich davon nicht beeindrucken, zumal er dringend ins Krankenhaus wollte. Er unterbrach den Diensthabenden höflich, aber bestimmt und sagte etwas wie: „Einen Moment, Sergeant. Bevor Sie fortfahren, sollten Sie, denke ich, drei Dinge wissen. Erstens: Ich bin Major. Zweitens: Ich bin Arzt. Und drittens: Ich habe ein gebrochenes Bein.“ Darauf erwiderte der Sergeant prompt: „Jawohl, Herr Major. Ich helfe Ihnen sofort ins Krankenhaus.“

Viele von uns sind mit wenig oder ganz ohne Vorbereitung in die Kindererziehung hineingeworfen worden. Wie bei dem Sergeanten sind unsere Bemühungen dem entsprechend nicht immer von Wissen geleitet. Ich würde sagen, dass es auch für uns als Eltern drei Dinge gibt, die wir wissen sollten, um unsere Kinder richtig großzuziehen. Natürlich gibt es daneben noch Anderes mehr, das wir wissen müssen, und vielleicht sind Sie auch nicht in allen Einzelheiten meiner Meinung – aber ich glaube doch, dass das Buch der Sprüche von diesen drei Tatsachen ausgeht, wenn es uns lehrt, wie wir bei der Erziehung unserer Kinder vorgehen sollen. Wir wollen nun diese drei Faktoren sorgfältig untersuchen.

Ein Kind ist sündig

Vom Buch Genesis an wird überall in der Bibel gelehrt, dass der Mensch als Sünder geboren wird. Nicht ein Kind ist moralisch neutral, wenn es geboren wird. Jeder Mensch kommt als ein Kind Adams zur Welt, mit einer sündigen Natur, die nur kurze Zeit und keinerlei besondere Aufforderung braucht, um sich zu manifestieren.

Und der Herr begann den beruhigenden Wohlgeruch zu riechen; und so sprach der Herr zu sich: „Nie wieder werde Ich den Erdboden um des Menschen Willen verfluchen, denn die Neigung des Menschenherzens ist böse von Jugend an; und nie wieder werde Ich alles Lebende zerstören, wie Ich es getan habe“ (Gen 8:21, Hervorhebung durch den Autor).

Gewiss, ich bin ein Sünder von Geburt an, Sündig seit der Zeit, da meine Mutter mich empfing (Ps 51:5, NIV).

Schon von Geburt an sind die Bösen in die Irre gegangen; Vom Mutterleib an sind sie eigensinnig und sie reden Lügen (Ps 58:3, NIV).

Darum, so wie die Sünde durch einen Menschen in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen kam, weil sie alle sündigten – (Rö 5:12).

Die Sprüche legen nicht ausdrücklich die sündige Wesensart des Kindes von Geburt an dar, sondern sie gehen einfach davon aus, dass diese eine Tatsache ist. Ein Kind, das immer seinen Willen bekommt, wird unweigerlich die Torheit der Weisheit vorziehen und eine Schande für seine Eltern sein.

Die Rute und die Zurechtweisung bringen Weisheit, Aber ein Kind, dem freier Lauf gelassen wird [wörtlich: das sich selbst überlassen wird] bereitet seiner Mutter Schande (29:15).

Am Anfang aller Kindererziehung steht daher die Grundannahme, dass ein Kind, wenn es sich selbst überlassen wird, im Laufe der Zeit nur immer professioneller sündigen wird. Erziehung beinhaltet also auch den Umgang mit der Sündhaftigkeit im Leben eines Kindes, sowie das Bemühen, Kinder von ihren natürlichen Neigungen weg und zur Furcht des Herrn und dem Weg der Weisheit hin zu bringen.

Auch der Appell an das Kind in den Sprüchen geht von dieser sündigen Neigung aus. Das Kind wird vor Gefahren gewarnt, die bisher noch nicht als Versuchung manifest geworden sind (wie die Ehebrecherin, Kapitel 5-7), und es wird auch gedrängt, sich vom bösen Weg abzukehren und dem Weg der Weisheit zuzuwenden. An keiner Stelle wird davon ausgegangen, dass ein Kind auf dem Weg der Weisheit wandelt; es sei denn, es habe bereits die bewusste Entscheidung getroffen, das Böse aufzugeben und die Furcht des Herrn zu erwählen.44

Entferne von dir falsche Reden, Und tu hinterhältige Lippen weit fort von dir. ... Weiche weder nach rechts noch nach links ab; Wende deinen Fuß ab vom Bösen (4:24,27).

Wenn die Weisheit den Einfältigen zuruft, dass sie ihren Weg ändern müssen, so deutet sie dabei an, dass es mehr als nur bloße Anfälligkeit für die Sünde gibt – vielmehr favorisieren die Menschen die Sünde sogar.

Die Weisheit ruft laut auf der Straße; Sie erhebt ihre Stimme auf den Plätzen; Am oberen Ende der lärmenden Straßen ruft sie aus; Am Eingang der Tore in der Stadt hält sie ihre Reden: „Wie lange wollt ihr Unerfahrenen die Unerfahrenheit lieben? Und ihr Spötter euch am Spott erfreuen, Und ihr Unvernünftigen die Erkenntnis hassen? Kehrt um zu meiner Zurechtweisung, Dann will Ich meinen Geist über euch ausgießen; Ich will euch meine Worte bekannt geben“ (1:20-23).

Dann fährt die Weisheit fort und sagt, dass Jeder, wenn er der Vernichtung anheim fällt, die ihn am Ende des Weges der Bösen erwartet, dies aufgrund seiner eigenen Entscheidung tut. Jeder wird genau das erhalten, was er verdient (1:31-32).

Das Problem eines Kindes liegt nicht in seiner Umgebung, sondern in seinem eigenen Herzen. Wie das Herz aller Menschen (20:9) ist es böse. Ein Kind muss nicht einfach verbessert werden – es muss bekehrt werden. Ein Kind muss bis zu dem Punkt gelangen, wo es die Sündhaftigkeit seines Herzens erkennt, wo es aufhört, auf sich selbst zu bauen, und sich der Furcht des Herrn hingibt.

Behüte dein Herz mit großem Fleiß, Denn aus ihm fließen die Quellen des Lebens (4:23).

Und dann sagst du: „Wie habe ich die Zucht gehasst Und mein Herz die Zurechtweisung missachtet! Und ich habe nicht auf die Worte meiner Lehrer gehört Und meinen Unterweisern mein Ohr nicht geneigt“ (5:12-13).

Torheit ist an das Herz eines Kindes geknüpft (22:15).

Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen, Und stütze dich nicht auf deinen eigenen Verstand. Denke an Ihn auf all deinen Wegen, Und Er wird deine Wege gerade machen. (3:5-6).

Kinder denken manchmal, dass es Nichts ausmacht, wenn sie sündigen, solange niemand es sieht. Die Sprüche aber räumen schnell mit der Hoffnung auf, dass man mit dem Bösen davonkommen könnte; denn selbst wenn die Sünden von den Eltern unbeobachtet bleiben, so sieht Gott sie doch. Er erforscht sogar die Herzen.

Die Augen des Herrn sind an jedem Ort Und beobachten die Schlechten und die Guten (15:3).

Tod und Vernichtung liegen offen vor dem Herrn – Um wie viel mehr die Herzen der Menschen! (15:11, NIV).

Die Leuchte des Herrn durchforscht den Geist eines Menschen; Sie forscht sein innerstes Wesen aus (20:27, NIV).

Ich werde nie aufhören, mich darüber zu wundern, welche Entschuldigungen Eltern für ihre Kinder bereit halten, wenn das eigentliche Problem schlicht und einfach die gute alte Sünde ist. Unsere Kinder müssen schon in jungen Jahren lernen, dass die Sünde schmerzhafte Konsequenzen nach sich zieht und dass Gott eine Lösung für den Sünder bereitet hat: die Erlösung in Jesus Christus. Wir können das Problem der Sünde nicht durch Belehrung lösen, denn Belehrung alleine produziert nur geschultere Sünder. Diese Lektion habe ich schnell gelernt, als ich eine Zeit lang an einem staatlichen Gefängnis unterrichtete. Das vorrangige Problem des Kindes ist eines, das es mit der gesamten Menschheit gemeinsam hat: die Sünde. Und die Lösung dafür ist, die Sünde zu bekennen und auf das Erlösungswerk Christi zu vertrauen. Wollen wir also alle, die wir Eltern sind, bereit sein, mit unseren Kindern als mit Sündern umzugehen.

Denn der Herr gibt Weisheit; Aus Seinem Munde kommt Erkenntnis und Verständnis (2:6).

Damit deine Zuversicht auf den Herrn gesetzt wird, Habe ich dich, ja dich heute unterwiesen (22:19).

Ein Kind ist einfältig

Kürzlich erschien in der Zeitung ein Leserbrief an Ann Landers, in dem ein junger Mann sie in einer wichtigen Angelegenheit um Rat fragte. Er schrieb:

Ich bin 17 Jahre alt, männlich, und ich habe ein großes Problem. Ich bin letztes Jahr von der Oberschule abgegangen und von zuhause ausgezogen. Ich bin vier Monate weg geblieben und habe mich dann entschieden, wieder zurück zu ziehen. Ich habe einen Job und verdiene gutes Geld. Ich habe jetzt ein Angebot, mit Jemandem zusammen in eine Wohnung zu ziehen. Ich bin wirklich in Versuchung, das zu tun, denn bei meinen Eltern bin ich nicht besonders glücklich – zu viel Streit. Das Problem ist: Dieser Jemand ist eine Frau. Sie ist wie eine Schwester für mich. Ich schwöre, zwischen uns läuft Nichts.45

Zu meiner Erleichterung riet Ann ihm, nicht mit diesem „Jemand“ zusammenzuziehen, sondern Unterkunft bei einer Familie zu suchen oder, besser noch, mit seinen Eltern auszukommen zu lernen. Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Lesen diesen jungen Mann nicht ganz Ernst nahm. Er konnte doch nicht wirklich glauben, dass er mit einem Mädchen geschwisterlich zusammen leben könnte, oder? Auf den zweiten Blick aber bin ich überzeugt, dass er das tatsächlich ernsthaft glaubte. Der Brief dieses jungen Mannes veranschaulicht eine Tatsache, die alle Eltern lernen müssen: dass nämlich unsere Kinder nicht nur sündig sind, sondern auch einfältig, naiv, gerade so wie dieser junge Mann.

Einige Eigenschaften von Kindern sollten weniger unter dem Aspekt der Sündhaftigkeit als unter dem der Einfalt gesehen werden. Beides kann gelegentlich miteinander zusammenhängen (vgl. 1:22), sollte aber nicht unbedingt gleichgesetzt werden. Die Naivität eines Kindes beruht zu einem großen Teil auf Unerfahrenheit, und dieser Zustand macht es anfällig für die Verführungen schlechter Männer und Frauen. Wollen wir einmal inne halten und einige Eigenschaften von Kindern betrachten, die in die Kategorie ‚Einfalt’ fallen könnten.

In den Sprüchen bedeutet ‚Einfalt’ eine Form der Naivität, die primär von fehlender Erfahrung her rührt. Ein Kind, das in alten Zeiten das Glück hatte, in ein frommes jüdisches Elternhaus geboren zu werden, wusste Wenig oder gar Nichts über die Schlechtigkeit böser Männer oder die Verführungskünste der Frauen. Das Pech der Amerikaner ist es, dass Kinder, die vor dem Fernseher aufwachsen, diese Dinge von klein auf kennen. Die frommen Eltern im Alten Testament wussten, dass ihre Kinder früher oder später den Schutz der Familie verlassen mussten, und sie versuchten, sie auf diesen Zeitpunkt vorzubereiten. Sie lehrten ihre Kinder, sich vor unerwünschter Gesellschaft vorzusehen, und sie beschrieben ihnen die Menschen, die sie zum Bösen verleiten könnten.

Die törichte Frau ist ungestüm, Sie ist einfältig und weiß Nichts. Und sie sitzt am Eingang ihres Hauses, Auf einem Sitz auf den Höhen der Stadt, Und sie ruft zu denen, die vorüber gehen, Die ihre Pfade gerade machen (9:13-15).

Wenn sie sagen: „Komm mit uns, Lass uns auf der Lauer liegen nach Blut, Lass uns die Unschuldigen grundlos aus dem Hinterhalt überfallen; Wir wollen sie lebendig verschlingen gleichwie der Scheol, Im Ganzen, gleich denen, die in die Grube hinab fahren. Wir werden allerlei kostbare Dinge von Wert finden, Wir werden unsere Häuser mit Beute füllen; Setze auf uns, einen Beutel soll es für uns alle geben“ – (1:11-14).

Ein nichtsnutziger Mensch, ein böser Mann Ist der, der mit falscher Rede umhergeht, Der mit seinen Augen zwinkert, der mit seinen Füßen Zeichen gibt, Der mit seinen Fingern Andeutungen macht, Der mit Verkehrtheit im Herzen fortwährend böse Pläne schmiedet, Der Streit entfesselt (6:12-14).

Ich ging am Acker des Faulen vorbei Und am Weinberg des Menschen, dem es an Verstand fehlt; Und siehe, er war mit Disteln zugewachsen Und von Nesseln bedeckt und seine Steinmauer war zerfallen (24:30-31).

Die Sprüche bieten dem unerfahrenen Kind eine Charakter-Beschreibung derer, von denen es sich fern halten sollte, derer, die einen jungen Menschen auf den Weg zu Tod und Vernichtung führen.

In ihrer Naivität tendieren Kinder dazu, die Welt durch die rosa Brille zu betrachten. Im Schutz ihres Elternhauses und durch den Mangel an Erfahrung mit den Bösen sind sie geneigt, von Jedem nur das Beste zu halten und auch Denjenigen offen gegenüber zu stehen, die sie ausnutzen wollen.

In vielen Familien wird der Idealismus von Kindern mit „Phantasie“ und „Kreativität“ gleich gesetzt, und entsprechend nähren wir diese Vorstellungskraft mit Märchen, die fast immer „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ enden. So ist das Leben selbst aber nicht, und die Sprüche wirken diesem unrealistischen Idealismus entgegen, indem sie dem Kind eine starke Dosis Realismus bieten. Das Kind wird gelehrt, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie uns wünschen. In der realen Welt, auf die die Sprüche das Kind vorbereiten wollen, ist Bestechung oft wirksam (17:8), sind arme Menschen verloren und unterdrückt (13:23, 14:20), und den Reichen fehlt es niemals an „Freunden“ (19:4).

Die Einfalt der Kinder äu0ert sich auch in ihrer Unfähigkeit, über den Tag hinaus zu sehen. Der Schokoriegel heute ist ihnen viel wichtiger als die schulische Ausbildung in späteren Jahren. Weise Menschen dagegen schauen auf die Zukunft, um die beste Handlungsweise für die Gegenwart zu ermitteln (27:12). Ein großer Teil der Sprüche behandelt die angenehmen oder auch schmerzlichen Folgen unserer Handlungen. Die Lippen einer Ehebrecherin mögen im Moment attraktiv sein, aber das Kind wird davor gewarnt, dass ihr Haus auf dem Weg des Todes liegt (5:3-5). Ein Mann, der Ehebruch begeht, wird irgendwann dem erzürnten Ehemann gegenüber stehen – eine schmerzliche und unangenehme Erfahrung (6:32-34).

Da Kinder selbst von Natur aus dazu neigen, nur für die unmittelbare Gegenwart zu denken, müssen wir als Eltern die Lektion aus dem Buch der Sprüche lernen und unseren Kindern anhand von Erfahrungen aus dem wirklichen Leben die Konsequenzen ihrer Entscheidungen und Taten klarzumachen suchen.

Ein weiteres Anzeichen von Einfalt ist das oberflächliche Denken von Kindern. Sie sind beispielsweise beeindruckt, weil Johnny von nebenan einen Swimmingpool hat und einen eigenen Farbfernseher, und weil er durch den großzügigen Unterhalt seiner Eltern nie arbeiten muss. Dabei übersehen sie eher, dass Johnnys Vater vielleicht kaum zu Hause ist, dass seine Eltern ständig streiten, und dass Johnny immer fauler und egoistischer wird. Die Sprüche nehmen uns häufig mit unter die glatte Oberfläche und zeigen uns dort die Wahrheit, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist.

Ein Mensch gibt sich als reich aus und hat doch Nichts; Ein Anderer gibt sich als arm aus und hat doch große Reichtümer (13:7, NIV).

Im Haus des Gerechten gibt es große Schätze, Aber der Ertrag der Bösen bringt ihnen Unheil (15:6, NIV).

Besser ist ein Wenig in der Furcht des Herrn Als reichliche Schätze und Aufruhr dabei. Besser ist ein Gemüsegericht, wo Liebe ist, Als ein gemästeter Ochse mit Hass dabei (15:16-17).

Der Erste, der seine Sache vertritt, erscheint gerecht, Bis ein Anderer kommt und ihn befragt (18:17, NIV).

Ein Kind ist kindisch

Wir haben versucht zu differenzieren zwischen Sünde und bloßer Einfalt, zwischen Absichtlichkeit und Schwäche. Im obigen Abschnitt habe ich die Beschreibung der Einfalt auf Denken und Wahrnehmung eines Kindes beschränkt. Nun möchte ich den Rahmen etwas erweitern und weitere Neigungen von Kindern berücksichtigen, die am besten wohl unter dem Begriff „kindisch“ zusammengefasst werden können.

1. KINDISCH SEIN HEISST IMPULSIV SEIN. Wenn die Älteren unter uns vielleicht von Unentschlossenheit geplagt werden, so gilt für Kinder genau das Gegenteil. Junge Menschen haben kein Problem damit, Entscheidungen zu treffen. Aber eben das ist selbst ein Problem. Ein Kind ist schnell mit Entscheidungen bei der Hand – zu schnell. Und diese Impulsivität bringt sie oft in Schwierigkeiten. Der einfältige junge Mann beispielsweise entscheidet sich impulsiv, auf die Verführungskünste der Ehebrecherin einzugehen.

Plötzlich folgt er ihr, Wie ein Ochse zur Schlachtung geht Oder wie einer in Fesseln zur Züchtigung eines Toren, Bis ein Pfeil seine Leber durchbohrt; Wie ein Vogel in die Falle eilt, So weiß auch er nicht, dass es ihn sein Leben kosten wird (7:22-23).

Die Sprüche lehren uns, wie wir mit der Impulsivität umgehen sollen: indem wir unsere Kinder mit den Gefahren vertraut machen, die aus unbedachten Handlungen erwachsen.

Der Weise lässt Vorsicht walten und wendet sich ab vom Bösen, Aber ein Tor ist selbstverliebt und sorglos (14:16) .

Auch ist es nicht gut für einen Menschen, wenn er ohne Erkenntnis ist, Und wer mit seinen Füßen hastig ist, irrt vom Weg ab (19:2).

Eine Schlinge ist es für einen Menschen, wenn er übereilt sagt „Es ist heilig!“ Und nach dem Gelübde Nachforschungen anstellt (20:25).

2. KINDISCH SEIN HEISST, GEFAHREN NICHT ZU ERKENNEN.

Ein kluger Mensch sieht das Böse und verbirgt sich; Die Unerfahrenen gehen weiter und erleiden die Strafe (27:12).

Als ich auf dem Priesterseminar war, wohnten wir direkt neben dem Parkplatz des Seminars, und in der Umgebung verliefen viel befahrene Straßen. Einige von den Kindern im Hof öffneten immer wieder das Tor und rannten hinaus auf den Parkplatz oder auf die Straße. Natürlich waren sie sich der damit verbundenen Gefahren wenig bewusst. Bis sie alt genug waren, um diese Gefahren zu erkennen, brauchte es auch einmal eine Tracht Prügel, um ihnen klar zu machen, dass es sehr schmerzhafte Folgen haben kann, wenn man auf die Straße hinaus läuft.

Die Sprüche sind voller Warnungen vor Gefahren, die ein Kind leicht übersehen würde. Schlechte Gesellschaft, die Ehebrecherin, Bürge zu werden und fehlende Selbstbeherrschung – all das wird unter dem Aspekt der damit verbundenen Gefahren beschrieben. Die Sprüche vermeiden es dabei sorgfältig, die Sünde selbst genauer zu beschreiben, aber sie beschreiben die Folgen der Sünde im Detail.

Denn zu dem Tode hinab senkt sich ihr Haus, Und ihre Spuren führen zu den Toten; Keiner, der zu ihr geht, kehrt zurück, Noch wird er die Pfade des Lebens erreichen (2:18-19).

Damit nicht Fremde sich mit deiner Kraft sättigen Und deine mühsam erworbenen Güter in das Haus eines Ausländers gehen, Und du an deinem Ende stöhnen musst, Wenn es mit deinem Fleisch und deinem Leib zu Ende geht (5:10-11).

„Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, Ein wenig Händefalten, um so dazuliegen“ – Und die Armut wird zu dir kommen wie ein Wegelagerer Und die Not wie ein bewaffneter Mann (6:10-11).

Dem, der mit einer Frau Ehebruch begeht, mangelt es an Verstand; Der sich selbst zerstören will, tut das. Verletzungen und Schande wird er finden, Und seine Schmach wird nicht ausgetilgt werden (6:32-33).

3. KINDISCH SEIN HEISST, EMPFÄNGLICH FÜR EINFLUSSNAHME UND FÜHRUNG DURCH ANDERE ZU SEIN. Kinder neigen dazu, fast Jedem zu folgen. Trotz elterlicher Warnungen werden Kinder oft von Fremden angesprochen und mitgenommen. Teilweise mag das mit einem falschen Verständnis der Autorität von Erwachsenen zu tun haben. Gehorsame Kinder zögern vielleicht, sich einem Erwachsenen zu widersetzen, selbst wenn es sich um einen Fremden handelt, dessen Aufforderung schädlich oder gefährlich ist. Die Sprüche wissen um diese Gutgläubigkeit.

Der Unerfahrene glaubt Alles, Aber der kluge Mann bedenkt seine Schritte (14:15).

Die Weisheit erfordert es, das Kind vor den Gefahren des Umgangs mit bösen Menschen, seien es junge oder alte, zu warnen.

Wer mit Weisen wandelt, wird weise werden, Aber wer mit Toren Gemeinschaft pflegt, wird Kummer leiden (13:20).

Verkehre nicht mit einem Mann, der voller Wut ist, Noch mit einem jähzornigen Mann, Damit du nicht seine Art lernst Und dir selber eine Schlinge legst (22:24-25).

Sei nicht neidisch auf schlechte Menschen Und verlange nicht, mit ihnen zu sein, Denn ihr Herz plant Gewalttat Und ihre Lippen reden von Unheil (24:1-2).

4. KINDISCH SEIN HEISST UNDISZIPLINIERT SEIN. Damit meine ich, dass Kinder sehr wenig geneigt sind, sich irgendein Vergnügen zu versagen. Wenn man es einem Kind überlässt, wird es die ganze Packung Eiscreme leer essen, und nicht nur eine Portion davon. Kinder vermeiden das Unangenehme und suchen das Vergnügen. Demzufolge müssen die Eltern dem Kind die Beschränkungen auferlegen, die es sich selbst nicht setzen würde. So schickt man etwa das Kind zu einer festgesetzten Uhrzeit zu Bett, wenn man weiß, dass es – hätte es nur die Möglichkeit – die ganze Nacht fernsehen würde.

Wenn auch Eltern ihrem Kind von außen Einschränkungen auferlegen müssen, so wissen sie doch, dass sie das nicht für alle Zeit tun können. Am Ende muss das Kind selbst in der Lage sein, den Wert der Selbstbeherrschung zu erkennen und sich das Vergnügen des Augenblicks um der langfristigen Vorteile der Entsagung willen zu versagen. Daher werden weise Eltern ihrem Kind die Vorteile der Selbstbeherrschung klar machen, ihm immer mehr Entscheidungen selbst überlassen, je älter es wird, und dabei sowohl die guten Entscheidungen loben als auch deutlich auf die unangenehmen Folgen der schlechten hinweisen.

Der langsam ist zum Zorn ist besser als ein Starker, Und der seinen Geist beherrscht als der Eroberer einer Stadt (16:32).

Wer das Vergnügen liebt, wird arm werden; Und wer Wein und Öl liebt, wird nicht reich werden (21:17).

Ein wertvoller Schatz und Öl sind im Hause des Weisen, Aber ein törichter Mensch wird sie verschlingen (21:20).

Hast du Honig gefunden? Iss nur so viel, wie dir Not tut, Damit du nicht zu viel davon hast und dich übergibst. Setze deinen Fuß nur selten in das Haus deines Nächsten, Damit er deiner nicht überdrüssig wird und dich hasst (25:16-17).

Wie eine offene Stadt mit zerbrochenen Mauern Ist ein Mann, der seinen Geist nicht kontrollieren kann (25:28).

5. KINDISCH SEIN HEISST, DEN NUTZEN ELTERLICHER ZUCHT ZU VERKENNEN. Ein Kind, das gerne von seinen Eltern bestraft wird, braucht sicher Hilfe. Wir stellen uns eher das Kind vor, das, sein Bündel an das Ende eines Stockes gebunden, das Elternhaus verlässt, nachdem es dort gezüchtigt worden ist. Niemand sollte sich Schmerzen oder Strafe wünschen. Aber wenn eine Bestrafung erforderlich wird, sollte sie akzeptiert werden als Etwas, das aus elterlicher Liebe entsprungen und auf ein gutes Ende gerichtet ist. Die Textstellen, in denen die Notwendigkeit der Zucht gelehrt wird, sollen nicht nur den Eltern nützen, sondern auch den Kindern. Ein Kind soll lernen, dass die Zucht von Gott kommt und zu seinem Besten ist.

Mein Sohn, verwirf nicht die Zucht des Herrn Und verabscheue nicht seine Zurechtweisung; Denn wen der Herr liebt, den weist Er zurecht, Gleich wie ein Vater seinen Sohn, an dem er Gefallen hat (3:11-12).

Wer die Rute zurückhält, hasst seinen Sohn; Aber wer ihn liebt, sucht ihn heim mit Züchtigung (13:24).

Ein Tor missachtet die Zucht seines Vaters; Wer aber der die Zurechtweisung beachtet, ist klug (15:5).

Strenge Zucht ist für den, der den Weg verlässt; Und wer Zurechtweisung hasst, wird sterben (15:10).

6. KINDISCH SEIN HEISST, WAHREN WERT NICHT ZU ERKENNEN. Nehmen wir an, ich würde einem Kind zehn glänzende neue Pfennigstücke oder zwei Groschen anbieten – was würde es wählen? Natürlich würde es die zehn Pfennige nehmen – aus dem einfachen Grund, dass ein Kind Werte noch nicht richtig einschätzen kann. Es geht davon aus, dass mehr Pfennige besser sein müssen als weniger Groschen. Ein paar Mal Einkaufen zu gehen wird seine Bildung diesbezüglich schnell heben.

Die Sprüche wissen um diese Schwäche von Kindern, den wahren Wert vieler der größten Schätze im Leben nicht richtig einschätzen zu können. Infolgedessen sprechen sie häufig vom Wert der Weisheit, der Gerechtigkeit und des Friedens.

Um wieviel besser ist es, Weisheit zu erwerben als Gold; Und Verständnis zu erlangen ist dem Silber vorzuziehen (16:16).

Reichtümer bringen keinen Nutzen am Tag des Zornes, Aber Gerechtigkeit wird vom Tode befreien (11:4).

Besser ist ein Wenig in der Furcht des Herrn Als reichliche Schätze und Aufruhr dabei. Besser ist ein Gemüsegericht, wo Liebe ist, Als ein gemästeter Ochse mit Hass dabei (15:16-17).

Schlussfolgerung

Aus unserem Studium der Natur eines Kindes im Buch der Sprüche resultieren mehrere Prinzipien, die wir im Kopf behalten und anzuwenden versuchen sollten. Ich will diese Grundsätze einmal aufzählen und einige Folgerungen daraus vorstellen.

1. DIE SPRÜCHE MACHEN ELTERN HOFFNUNG IN BEZUG AUF DAS ERGEBNIS IHRER KINDERERZIEHUNG. In unserer letzten Lektion versuchte ich Ihnen zu zeigen, dass Eltern das Schicksal ihrer Kinder nicht bestimmen können, und seien sie auch noch so pflichtgetreu in ihrer Elternschaft. Es stimmt zwar, dass Eltern nicht das letzte Wort über das Leben ihrer Kinder haben – aber die Sprüche machen uns darauf aufmerksam, dass sie doch das erste haben. Einerseits gibt es keine Garantie dafür, dass ein frommes Zuhause immer gottgefällige Söhne und Töchter hervorbringt; andererseits gibt es aber die Zusicherung, dass Gottes Weg zur Hervorbringung einer gottgefälligen Generation über fromme Eltern geht, die ihre Kinder gemäß der Schrift aufziehen.

Ich glaube, wir finden hier eine Parallele zu unserem Bemühen um die Verlorenen für Christus: Während wir einerseits keine Gewähr haben, dass jeder, vor dem wir Zeugnis ablegen, zum Glauben an Christus finden wird, können wir andererseits doch sicher sein, dass Gottes Methode, die Verlorenen zu erreichen, eben die Christen sind, die ihren Glauben mitteilen.

Wie denn sollen sie Den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Und wie sollen sie an Ihn glauben, von dem sie nicht gehört haben? Und wie sollen sie hören ohne Jemanden, der predigt? (Rö 10:14).

Wir müssen getreulich immer wieder Zeugnis ablegen für unseren Glauben an Christus, weil uns aufgetragen wurde, die Botschaft zu verkünden. Wir müssen sorgfältig auf die Erziehung unserer Kinder achten, weil uns Gott aufgetragen hat, das zu tun. In beiden Fällen müssen wir das Ergebnis aber am Ende Gott überlassen und anerkennen, dass wir jeweils nicht erfolgreich, sondern nur getreu sein müssen. Aber in beiden Fällen sollten wir bei unserem Bemühen auch Hoffnung haben, weil wir wissen, dass Gott unser Gebet erhört und dass Er sowohl Willens als auch in der Lage ist, Seine Absichten zu verwirklichen.

2. KINDER SIND TÖRICHT, ABER SIE SIND KEINE TOREN. Als Vater spornt mich die Beobachtung sehr an, dass nirgendwo in den Sprüchen ein Kind als Tor bezeichnet wird. Wir lesen zwar von der Schande eines Vaters, der einen Toren als Sohn gezeugt hat (17:21), und von dem Toren, der seines Vaters Zucht ablehnt (15:5), aber in beiden Fällen denke ich, ist der Sohn zu einem Toren herangewachsen und ist zwar noch der Sohn, aber kein Kind mehr.

Deshalb gibt es auch keinen Widerspruch zwischen denjenigen Textstellen, die Eltern auffordern, ihre törichten Kinder zu belehren und zu züchtigen, und denjenigen, die von der Belehrung oder Berichtigung eines Toren abraten. In Vers 23:9 lesen wir „Sprich nicht vor den Ohren eines Toren, denn er wird die Weisheit deiner Worten verachten“, und doch werden in Vers 22:6 Eltern aufgefordert, ihre Kinder anzuleiten. In Vers 27:22 finden wir „Selbst wenn du den Toren zusammen mit den Getreidekörnern mit einem Stößel im Mörser zerstößt, wird doch seine Torheit nicht von ihm weichen“, andererseits werden Eltern aufgefordert „Wer die Rute zurückhält, hasst seinen Sohn; aber wer ihn liebt, sucht ihn heim mit Züchtigung“ (13:24). Ein Kind ist von Natur aus töricht, aber zu einem Toren wächst es nur mit der Zeit und durch bewusste Entscheidungen heran. Wollen wir also sorgfältig darauf achten, wie wir mit der Torheit unserer Kinder umgehen, damit wir sie nicht dazu bringen, zu Toren heranzuwachsen.

3. KINDER KÖNNEN KAUM FROMM ODER WEISE SEIN. Ich bin sicher, dass diese Feststellung bei manch einem Elternteil ein Stirnrunzeln hervorrufen wird; dabei ist sie doch in vielerlei Hinsicht das Herzstück dieser Botschaft. Gerade so, wie die Sprüche zwischen ‚ein Tor sein’ und ‚töricht sein’ unterscheiden, so unterscheiden sie auch zwischen ‚Kind sein’ und ‚fromm sein’. Ein Kind muss sich entscheiden, ob es die Furcht des Herrn annehmen oder ablehnen will. Ein Kind mag sich entscheiden, den Weg der Wahrheit zu betreten, aber kein Kind kann weise im Sinne von gereift und lebensklug sein, geradeso wie Jemand am Beginn seines Klavierunterrichtes noch kein fertiger Musiker sein kann. Wir können Kinder also zu einer Entscheidung für das Lernen auffordern, aber wir können sie nicht dazu auffordern, vollkommen zu sein, oder von ihnen erwarten, dass sie es anders als erst allmählich mit der Zeit werden.

Denken Sie einen Moment darüber nach. Ist es schlüssig, wenn Eltern von einem sechs Monate alten und fünfzehn Pfund schweren Baby erwarten, dass es Gewichte hebt oder Fußball spielt? Warum also erwarten wir dann von unseren Kindern, dass sie etwas Anderes seien als Kinder? Sie können und sollen Gehorsam gegenüber ihren Eltern lernen, aber sie können unmöglich die Zeichen der Reife aufweisen, die erst mit der Zeit kommen.

Die Fehlermöglichkeiten sind hier immens groß. Es ist ein enormes Ansehen damit verbunden, wenn man ein Kind hat, das über sein Alter hinaus entwickelt ist. Wir möchten am liebsten schon unseren Babys das Lesen beibringen und schon in der Grundschule Aufbaufächer behandeln; wir möchten, dass unsere Kinder möglichst schon vorzeitig zur Schule gehen und Leistungen über ihr Alter und ihre Klassenstufe hinaus erbringen. So etwas bedeutet für Eltern Prestige. Ich möchte aber sagen, dass solche Neigungen schon unter dem Aspekt der Ausbildung selbst Gefahren bergen, und viel mehr noch im geistlichen Bereich. Wir dürfen nicht erwarten, dass die Meinungen und Haltungen unserer Kinder an unsere eigenen herankommen oder sie sogar noch übertreffen. Wir müssen davon ablassen, unsere Kinder zu einem Leben gemäß der Erwartungen zu zwingen, die Andere an sie oder an uns haben. Kinder können zu Reife, Frömmigkeit und Weisheit heranwachsen. Und sie werden es tun, wenn wir ihnen die Freiheit geben zu wachsen – nicht dadurch, dass wir ihnen unsere Beschränkungen, Vorschriften und Regeln auferlegen.

Im Galater-Brief setzt sich der Apostel Paulus mit dem Problem des Legalismus auseinander. Manche Christen bestanden darauf, dass die Gläubigen gemäß den Vorschriften des alttestamentarischen Gesetzes leben müssten, so wie es von den Juden jener Zeit verstanden und praktiziert wurde. Paulus zeigte ihnen die Torheit dieses Systems am Beispiel der Erziehung eines Kindes in einem jüdischen Elternhaus auf. Ein Kind lebte dort unter strenger Beaufsichtigung und Bevormundung, bis es das Alter (12 Jahre, glaube ich) erreichte, in dem es die vollen Rechte der Sohnschaft erhielt. Von diesem Tag an wurde das Kind als Mann betrachtet und erhielt die vollen Rechte eines Erwachsenen (3:23-24, 4:1-7). Der Punkt, auf den Paulus hinweisen wollte, war der, dass Israel unter dem Gesetz des Alten Testamentes in einer Zeit der Unmündigkeit gelebt hatte, nun jedoch nach dem Kreuzestod Christi und der Herabkunft des Heiligen Geistes Männer und Frauen in Freiheit wachsen und reifen konnten, ohne wie zuvor noch unter strikten Vorschriften und Regeln zu leben.

Mir kommt es hier nicht auf Paulus’ Argumentation im Detail an, sondern ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf das Beispiel lenken, das er gebraucht. Kinder, sagte er, waren strengeren Vorschriften und Regeln unterworfen, weil und solange sie Kinder waren. Wenn sie aber einmal den Punkt erreicht hatten, an dem sie zu Erwachsenen werden konnten (und sollten), erhielten sie ihre Freiheit, die Freiheit zu entscheiden, Fehler zu machen und zu wachsen. Auch wir als Eltern müssen erkennen, dass unsere Kinder sehr viel Beaufsichtigung benötigen, solange sie noch klein sind. Die meisten Entscheidungen müssen wir für sie treffen, und wir müssen sie manchmal vor sich selber schützen. Aber wenn sie heranwachsen, müssen sie die Freiheit erhalten, die eine unabdingbare Voraussetzung für das reif Werden ist. Über weite Strecken ist es das Ziel der Sprüche, Kinder auf die vor ihnen liegende Zeit der Freiheit vorzubereiten. Und wenn unsere Kinder an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir sie gehen lassen, sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen, sie Fehler machen lassen und sie an Weisheit und Reife gewinnen lassen.

4. KINDISCH ZU SEIN BETRACHTEN DIE SPRÜCHE NICHT ALS EINE SÜNDE, NUR KINDISCH ZU BLEIBEN. Mit der Torheit eines Kindes müssen die Eltern bewusst umgehen, und das Kind muss sie bewusst ablegen. Töricht zu bleiben bedeutet, zu einem Toren zu werden. So müssen wir unsere Kinder zwar als das akzeptieren, was sie sind, aber wir dürfen ihnen nicht erlauben, so zu bleiben. Gegen kindisches Verhalten hilft nur der Reifeprozess.

Zu dieser Tatsache finde ich eine bemerkenswerte Parallele im Neuen Testament, wo Paulus schrieb:

Als ich ein Kind war, pflegte ich wie ein Kind zu sprechen, wie ein Kind zu denken, wie ein Kind zu argumentieren; da ich nun ein Mann geworden bin, habe ich die kindischen Dinge abgelegt (1.Kor 13:11).

Es war nicht falsch, dass Paulus als Kind kindisch war. Aber der Reifungsprozess macht den kindischen Dingen ein Ende. Ist Ihnen aufgefallen, dass es sich bei den Eigenschaften der Kinder um dieselben Probleme handelt, mit denen wir als Erwachsene zu kämpfen haben. So wie unseren Kindern die Selbstdisziplin fehlt, fehlt sie auch uns (vgl. 1.Kor 9:24-10:13). So wie unsere Kinder nur an das Jetzt denken und die Zukunft ignorieren, neigen auch wir oft dazu. Aus diesem Grunde wurde der Brief an die Hebräer geschrieben. In der „Halle des Glaubens“ in Kapitel 11 finden sich Diejenigen, die ihre Gegenwart im Licht und in der Gewissheit von Gottes Zusagen lebten – im Glauben. Sie und ich, meine lieben Freunde, können nicht die gleiche Entschuldigung in Anspruch nehmen wie unsere Kinder. Warum sind wir so oft kindisch, töricht und sündig? Wir müssen heran wachsen, die kindischen Dinge ablegen und reif werden.

Das war auch die Lage der Christen in Korinth. Für die gerade neu Erlösten war es normal, unreif zu sein (1.Kor 3:1), aber es war eine Sünde, wenn sie so blieben (1.Kor 3:2-3). Diejenigen von uns, die schon eine Zeit lang zu den Erlösten zählen, können sich nicht mehr wie unsere unreifen Brüder und Schwestern entschuldigen. Wir dürfen also keinesfalls erwarten, dass diese so handeln wie wir selbst, und wir müssen uns andererseits davor hüten, dass wir so handeln wie sie.

5. NICHT ALLE KINDISCHEN ZÜGE SIND SCHLECHT. Ich habe mich bisher auf diejenigen Charakterzüge konzentriert, die bei Erwachsenen entweder unerfreulich oder sogar sündig sind. Das sollte man aber nicht zu weit treiben. Kinder werden ihren Eltern (glaube ich) nicht nur gegeben, um von ihnen erzogen zu werden, sondern auch, um sie ihrerseits zu erziehen. Unser Herr lehrte, dass wir wie kleine Kinder werden müssen, um in das Reich Gottes zu kommen. Wir müssen einen kindlichen Glauben haben.

„Wahrlich, ich sage euch: Wer immer das Königreich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, wird niemals in dasselbe eingehen“ (Luk 18:17).

Viele Männer und Frauen sind einfach zu gewieft, zu kultiviert und differenziert, um in den Himmel zu kommen. Sie legen ihr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, ihre Intelligenz, ihre Werke. Wenn ein Kind einem Erwachsenen vertraut, ist es sich keiner eigenen Kraft oder Zulänglichkeit bewusst. Es ist dies ein Vertrauen aus vollkommener Abhängigkeit heraus. Das, mein Freund, ist die Art von Glauben, die Gott von dir fordert, damit du erlöst wirst. Wenn du in Gottes Himmelreich eingehen willst, musst du in demütigem, kindlichem Glauben bekennen, dass du ein Sünder bist und nicht in der Lage, dir Gottes Billigung oder seinen Segen selbst zu verdienen, und du darfst nur auf das vertrauen, was der Herr Jesus Christus für dich am Kreuz von Golgatha getan hat. Dort starb Er für deine Sünden und trug deine Strafe. Dort bietet Er dir die Vergebung der Sünden und die Zusage ewigen Lebens. Wirst du auf Ihn vertrauen?

Wollen wir also unsere Kinder als Kinder erziehen. Wollen wir danach streben, unsere eigenen kindischen Züge hinter uns zu lassen und zur Reife in Christus heranzuwachsen. Und wollen wir lernen, auf Gott allein zu vertrauen und nicht auf uns selbst.


44 An einigen Stellen in den Sprüchen ist die Perspektive auch die, dass das Kind, sozusagen, an einer Weggabelung steht (vgl. 1:10-33; 4:14-15). Das Kind wird dann so angesehen, als sei es weder auf dem Weg der Weisheit noch auf dem der Torheit; und der dringende Appell der Eltern basiert auf der Tatsache, dass das Herz des Kindes eher zu einer Entscheidung für den Weg des Bösen als für den Weg der Weisheit neigen wird. In diesem Fall scheint es mir so zu sein, dass das Kind als keinem der beiden Wege zugehörig gesehen wird, weil es noch nicht konkret mit dem Bösen in Berührung gekommen ist, über das es aber in Kürze eine Entscheidung wird fällen müssen. Diese Perspektive gründet sich also nicht auf die Unschuld, sondern auf die Unerfahrenheit des Kindes.

45 The Dallas Morning News, Montag, 20. September, 1982, Teil C, S. 4.

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