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Weisheit und Kindererziehung (Teil I)

Wer ist verantwortlich für den Charakter eines Kindes?

Einleitung

Als meine Frau und ich vor einigen Monaten an einer Geschenkeparty für ein neugeborenes Baby teilnahmen, entdeckten wir die folgende Bemerkung in einem Notizbuch. Sie spiegelt meine Gefühle nahezu perfekt wider, wenn ich jetzt dieses Thema angehe:

„Früher hatte ich keine Kinder, aber sechs Theorien über Kindererziehung.
Jetzt habe ich sechs Kinder, aber keine Theorie über Kindererziehung.“

Meine Frau und ich haben sechs Kinder, von denen Eines beim Herrn ist. Es ist schon erstaunlich, wie sehr fünf Kinder zu haben den Dogmatismus aufgeweicht hat, mit dem ich früher über Kindererziehung gesprochen habe. Persönlich würde ich es eigentlich vorziehen, gar nicht mehr über dieses Thema zu sprechen, und das noch viele Jahre lang. Aber die Sprüche haben zu dem Thema so Vieles zu sagen. Außerdem haben Viele von Ihnen kleine Kinder und empfinden das Thema als eines der dringendsten Anliegen in ihrem Leben.

Bevor wir mit dem Studium beginnen, möchte ich Sie vorwarnen, dass Niemand je vollkommen objektiv auf diesem Gebiet ist, noch gibt es Irgendjemanden, der wirklich in jeder Hinsicht kompetent dafür wäre. Kinder können selbst sicher nicht objektiv sein, denn sie sind diejenigen, die den Prozess der Kindererziehung erleiden. Einige sehr autoritäre Worte zum Thema habe ich schon von Menschen gehört, die selber keine Kinder haben, ja noch nicht einmal verheiratet sind. Sie können zwar mit uns die Schriften zu diesem Thema interpretieren, aber sie können nicht aus eigener Erfahrung heraus sprechen. In den Sprüchen aber entsteht Weisheit niemals aus der Begegnung mit der Wahrheit am Grünen Tisch, sondern aus der Fähigkeit zu ihrer praktischen Umsetzung.

Falls Sie aber denken, dass ich damit sagen will, ich sei eine Autorität auf dem Gebiet der Kindererziehung, nur weil ich selber fünf Kinder haben – dann bin ich der Erste, der Ihnen widerspricht. Wenn es nur darauf ankäme, viele Kinder zu haben, um ein Experte für Kindererziehung zu werden, dann könnten wir uns an Jedermann mit einer großen Familie um einen fachmännischen Rat wenden. Aber um ehrlich zu sein, wir könnten wohl etwas darüber sagen, wie man Kinder kriegt, aber nicht darüber, wie man sie aufzieht. Ich möchte Ihnen gleich zu Anfang bekennen, dass ich nicht annähernd so viel von Kindererziehung verstehe, wie ich sollte; und einen Großteil dessen, was ich weiß, setze ich nicht so um, wie ich es sollte.

Auch die, deren Kinder schon erwachsen sind, sind nicht immer anerkannte Fachleute auf dem Gebiet. Wer das Glück hatte, dass aus allen seinen Kindern etwas geworden ist, mag geneigt sein, dieses Ergebnis sich selbst zuzuschreiben. Aber es gibt nicht ein Elternpaar, das tatsächlich die volle Anerkennung dafür akzeptieren dürfte, wenn seine Kinder zu gottgefälligen Menschen heranwachsen, denn das liegt allein in der Gnade Gottes. Jeder Erfolg in unserem Familienleben tritt eigentlich trotz vieler Fehler vonseiten der Eltern ein.

Die andere Seite ist die, dass es durchaus auch fromme Eltern gibt, deren Kinder sie enttäuscht und verletzt haben. Sie wüssten vielleicht trotzdem Wertvolles über die Erziehung von Kindern zu sagen, haben aber Hemmungen den Mund aufzumachen – und noch mehr widerstrebt es uns, auf sie zu hören. Wir wollen von den Erfolgreichen lernen und nicht von denen, die die bittere Medizin eines törichten Sohnes oder einer törichten Tochter zu schlucken hatten. Wenn Sie diese Einstellung haben, können Sie aber ebenso gut hier aufhören zu lesen, denn Salomo, der ja das Meiste zum Buch der Sprüche beigetragen hat, versagte selber doch offenbar kläglich darin, seinen Sohn Rehabeam zu einem weisen Mann zu erziehen (vgl. 1.Kö 12).

Die Frage, die ich hier aufwerfen möchte, ist die: „Wer ist verantwortlich für den Charakter unserer Kinder?” Ich habe die Meinung ja schon angedeutet, dass Eltern vielleicht gar nicht so viel Kontrolle über das Leben ihrer Kinder haben, wie mancher Lehrer behauptet. Es gibt hier, wie in jedem Bereich der biblischen Lehre, zwei Extreme, die man vertreten kann: Einerseits könnten wir der Meinung sein, dass das spirituelle Leben eines Kindes vollkommen in der Verantwortung seiner Eltern liegt. Das ist nicht nur unbiblisch, sondern stellt auch die Gegebenheiten einer Elternschaft ziemlich verzerrt dar. Andererseits könnten wir dem entgegengesetzten Extrem des Fatalismus anheim fallen und die Schlussfolgerung ziehen, dass wir für das geistliche Leben unserer Kinder gar Nichts können. Das würde zu Untätigkeit und ins Unglück führen. Meine Absicht ist es, das Thema der Verantwortlichkeit von Eltern und ihren Kindern aus der Sicht der Sprüche und der gesamten biblischen Offenbarung Gottes anzugehen. Ich denke, dass wir dann die Wahrheit zwischen den beiden beschriebenen Extremen finden werden und dass unsere Studien uns einerseits viel Frustration und Schuldgefühle nehmen, auf der anderen Seite aber auch zu mehr Sorgfalt und Gebet inspirieren können. Lassen Sie uns also die Frage der Verantwortlichkeit bei der Erziehung von Kindern betrachten. Wofür macht Gott Eltern verantwortlich?

Fromme Eltern ziehen unter Umständen
törichte und schändliche Kinder auf

Ich höre es selber nicht gerne – aber ich bin doch gezwungen einzuräumen, dass die Sprüche die schmerzliche Möglichkeit aufzeigen, dass man einen törichten und schändlichen Sohn oder eine solche Tochter aufzieht.

Sprüche Salomos. Ein weiser Sohn erfreut seinen Vater, Aber ein törichter Sohn verursacht seiner Mutter Leid (10:1).

Ein weiser Sohn nimmt die Zucht seines Vaters an, Aber ein Spötter hört nicht auf Zurechtweisung (13:1).

Ein weiser Sohn erfreut seinen Vater, Aber ein törichter Mensch verachtet seine Mutter (15:20).

Ein törichter Sohn verursacht seinem Vater Kummer Und Bitterkeit der, die ihn geboren hat (17:25).

Wer seinen Vater und seine Mutter beraubt und spricht ‚Es ist kein Vergehen’, Ist dem Mann Kumpane, der Verderben verursacht (28:24).

Es gibt eine Art, die ihrem Vater flucht Und ihre Mutter nicht segnet. Es gibt eine Art, die sich selbst als rein ansieht Und doch noch nicht einmal von ihrem eigenen Dreck reingewaschen ist. Es gibt eine Art – o wie hochmütig deren Augen geworden sind! Und voll Arroganz heben sie ihre Lider (30:11-13).

Mancher mag einräumen, dass es irgendwelche Eltern gibt, die törichte Kinder aufziehen – und wird dabei vielleicht nicht zugeben wollen, dass das auch fromme Eltern betreffen kann. Es fällt mir jedoch schwer einzusehen, wie ein gottloses Elternpaar so kummervoll darüber sein könnte, dass es einen gottlosen Sohn aufzieht. Als Petrus von Lots Gram angesichts der Sündhaftigkeit seiner Stadt sprach, beschrieb er diesen als einen gerechten Mann, dessen „gerechte Seele gequält war“ (2.Pe 2:7-8). Es sind die Gerechten, die von der Ungerechtigkeit gequält werden. Wollen wir also fortfahren.

Salomo versus Sigmund Freud:
Wodurch wird der Charakter eines Kindes bestimmt?

Wir sollten uns zu Beginn bewusst machen, dass die Fehler von Eltern negative Auswirkungen für die Kinder wie für die Eltern selbst haben. In den Worten der Sprüche:

Die Rute und die Zurechtweisung bringen Weisheit, Aber ein Kind, dem freier Lauf gelassen wird, bereitet seiner Mutter Schande (29:15).

Nach dieser Einleitung muss ich nun andererseits aber auch darauf hinweisen, dass in den Sprüchen betont wird, dass nicht die Eltern letztendlich verantwortlich für den Charakter ihres Kindes sind. Das törichte Kind hat sich selbst entschieden, sein Leben auf den Pfaden der Torheit zu verbringen. Und die Strafe, die der törichte Sohn erhält, hat er selbst verdient. In Kapitel 1 klären Vater und Mutter ihren Sohn über die zwei Wege zu leben auf und warnen ihn davor, sich schlechten Menschen zu bösen Taten anzuschließen. Aber im Anschluss an diese elterliche Ermahnung spricht die Weisheit über das Schicksal dessen, der sich trotz Allem entscheidet, auf dem Pfad der Torheit zu wandeln:

„Weil sie die Erkenntnis hassten Und die Furcht des Herrn nicht erwählten. Sie wollten meinen Rat nicht annehmen, Sie verschmähten all meine Zurechtweisung“ (Vers 29-30).

„Sie wollten meinen Rat nicht annehmen, Sie verschmähten all meine Zurechtweisung. Darum sollen sie essen von den Früchten ihres Wandels Und sich an ihren eigenen Ratschlägen übersättigen. Denn die Eigenwilligkeit der Unverständigen wird sie töten, Und die Selbstzufriedenheit der Toren wird sie vernichten“ (1:30-32).

Die Eigenverantwortlichkeit des Kindes für die Entscheidungen in seinem Leben wird an anderer Stelle in den Sprüchen gezeigt:

Wenn du weise bist, bist du zu deinen eigenen Gunsten weise geworden, Und wenn du ein Spötter bist, wirst du allein es tragen (9:12).

Die Torheit eines Menschen verdreht seinen Weg, Und sein Herz ergrimmt selbst gegen den Herrn (19:3).

Wir finden also in den Sprüchen, dass an der Torheit eines Menschen nicht seine Eltern die Schuld tragen, sondern sie resultiert aus seinen eigenen Entscheidungen, aus den Überlegungen seines eigenen Herzens. Eltern leiden wohl an der Torheit eines Sohnes, aber es wird nicht gesagt, dass sie an Schuldgefühlen leiden müssen. Denn der Sohn allein muss die Konsequenzen aus seiner Entscheidung für den Weg der Torheit auf sich nehmen.

Weitere Hinweise auf die Eigenverantwortlichkeit des Kindes für seinen Charakter finden sich in den ersten neun Kapiteln der Sprüche. Während die Kapitel 10-31 uns über die Eigenschaften eines Weisen belehren, heben die Kapitel 1-9 die Entscheidung hervor, die am Anfang des Weges der Weisheit steht. Wenn man mit einem einzigen Wort die Stimmung dieser ersten Kapitel zusammenfassen wollte, so wäre es das Wort „Appell“. Sowohl der Vater als auch die Mutter appellieren an ihren Sohn, ihre Lehren zu befolgen und die Weisheit als etwas sehr Wertvolles anzustreben.

Höre, mein Sohn, auf die Zucht deines Vaters Und verlasse nicht das Gebot deiner Mutter. Denn sie sind ein anmutiger Kranz für dein Haupt Und eine schmückende Kette um deinen Hals (1:8-9).

Mein Sohn, wenn du meine Reden annehmen Und meine Gebote in dir bewahren wirst, Dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen Und die Erkenntnis Gottes finden (2:1,5).

Mein Sohn, vergiss meine Lehren nicht, Sondern lass dein Herz meine Gebote halten (3:1).

Hört, o Söhne, auf die Zucht eines Vaters Und merkt auf, damit ihr Erkenntnis gewinnt (4:1).

Jeder Appell in diesen Anfangskapiteln der Sprüche basiert auf der gleichen Voraussetzung: Ein Vater und eine Mutter können ihr Kind über die Weisheit belehren und ihm ans Herz legen, sie zu suchen, aber sie können ihm die Entscheidung nicht abnehmen. Tatsächlich kann sich auch ein Kind weiser und frommer Eltern für die Rolle des Toren entscheiden – trotz all ihrer Mühen, ihn zum Gegenteil zu erziehen.

Und was ist mit dem Versprechen in Sprüche 22:6?

In dem verzweifelten Wunsch nach einer Erfolgsgarantie für Eltern, die sich intensiv um die Erziehung ihrer Kinder zur Frömmigkeit bemühen, wenden sich Viele an Sprüche 22:6 um biblische Unterstützung. Auch ich würde es vorziehen, eine solche Garantie zu haben; ich bin allerdings überzeugt, dass diese Textstelle Nichts dergleichen darstellt. Vielleicht sollte ich vorausschicken, dass – unabhängig davon, zu welcher Auslegung wir schließlich gelangen werden – die Sprüche uns nicht so sehr Garantien als vielmehr Leitsätze bieten. Während Fleiß beispielsweise eine notwendige Voraussetzung für den Wohlstand ist, garantiert Fleiß doch nach den Sprüchen allein keinen Wohlstand. Selbst wenn im Buch der Sprüche stünde, dass eine umsichtige Erziehung gottgefällige Kinder hervorbringt – was, wie wir sahen, ja nicht unbedingt zutrifft –, so wäre das doch noch keine Garantie dafür, dass getreuliche Bemühungen frommer Eltern immer gottgefällige Kinder hervorbringen

Nach der Einschätzung vieler großer Bibelgelehrter bezieht sich Sprüche 22:6 gar nicht auf moralische Instruktionen, sondern spricht ein generelles Erziehungsprinzip aus: Keine Lehre, die dem Schüler angepasst ist, wird verlorene Mühe sein. Die NASB überträgt diesen Vers:

Erziehe ein Kind auf dem Weg, den es gehen soll; Selbst wenn es alt geworden ist, wird es sich nicht davon abkehren.

Wörtlich aber lautet der hebräische Text so:

Erziehe ein Kind gemäß seines Weges, Und wenn es alt geworden ist, wird es sich nicht davon abkehren.

Da ich vorhabe, mich mit dieser Bibelstelle in den nächsten Lektionen noch ausführlicher zu befassen, möchte ich Sie jetzt noch auf einige Aspekte dieses Textes hinweisen, die für unser Studium wichtig sind.

1. DER IMPERATIV IST ‚ERZIEHE’, UND DARAUS KÖNNEN WIR SCHLIESSEN, WAS DAS HAUPTANLIEGEN DER TEXTSTELLE IST. Eltern werden aufgefordert, ihre Kinder zu erziehen. Die Betonung scheint hier auf der Notwendigkeit zur Erziehung eines Kindes zu liegen, nicht auf der Art der Erziehung.

2. DER AUSDRUCK “WEG” BEZIEHT SICH FAST IMMER AUF DIE WESENSART ODER DIE ÜBLICHEN VERHALTENSMUSTER EINES LEBEWESENS.

Drei Dinge gibt es, die mir zu wunderbar sind, Und vier, die ich nicht erfassen kann: Der Weg eines Adlers am Himmel, Der Weg einer Schlange auf einem Felsen, Der Weg eines Schiffes mitten auf dem Meer, Und der Weg eines Mannes bei einem jungen Mädchen (30:18-19).

Man strapaziert diesen Ausdruck sehr, wenn man ihn als ‚Weg, auf dem es gehen sollte’ überträgt.

3. DER AUSDRUCK ‚ABKEHREN’ GEHÖRT NICHT ZU DENEN, MIT DENEN ABTRÜNNIGKEIT BESCHRIEBEN WIRD. In den Sprüchen wird er meist mit Bezug auf die Abkehr vom Bösen gebraucht (vgl. 3:7; 13:19; 16:17).

Diese und andere Punkte veranlassen viele Gelehrte zu der Schlussfolgerung, dass diese Bibelstelle Eltern gegenüber kein Versprechen für gottgefällige Kinder abgibt, wenn sie sie nur getreulich und in einem frommen Haus aufziehen. In Bezug auf diese Sichtweise, die wir gerade verworfen haben, schreibt Dr. Otto Zöckler:

Doch obwohl die Dritte [Sichtweise] den höchsten Anspruch darstellt und generell dort eingenommen wurde, wo man sich über das Original wenig Rechenschaft ablegte, wird sie doch vom hebräischen Wortlaut am Wenigsten getragen.39

Dem stimmt auch Derek Kidner zu:

Die vorgeschriebene Erziehung soll wörtlich ‚gemäß seinem (des Kindes) Weg’ sein, was offenbar die Respektierung seiner Individualität und Berufung, nicht aber die seines eigenen Willens impliziert (s. Vers 5 oder 14:12). Aber die Betonung liegt auf der elterlichen Opportunität und Verpflichtung.40

Die Sprüche lehren uns also durchgehend, dass für fromme Eltern keine Garantie auf fromme Kinder besteht, selbst dann nicht, wenn sie all ihren elterlichen Pflichten stets treulich und bedacht nachgekommen sind. Kidner kommentiert das so:

Viele [Sprüche] mahnen uns jedoch, daran zu denken, dass selbst die beste Erziehung Weisheit nicht einimpfen, sondern nur zu der Entscheidung ermutigen kann, selbst nach ihr zu suchen (z.B. 2:1ff.). Ein Sohn kann zu rechthaberisch zum Lernen sein (13:1; vgl. 17:21). Ein gutes Haus kann einen Faulenzer hervorbringen (10:5) oder einen Verschwender (29:3); er kann so rebellisch sein, seine Eltern zu verachten (15:20), zu verspotten (30:17) oder zu verfluchen (30:11, 20:20), oder so herzlos, mit ihrem Geld durchzubrennen (28:24) oder sogar seine verwitwete Mutter hinauszuwerfen (19:26). Es gibt zwar auch Eltern, die allein sich selbst ihr Unglück verdanken (29:15), aber letztlich muss jeder Mensch für sich selbst die Verantwortung übernehmen, denn es ist seine Einstellung zur Weisheit (29:3a, 2:2ff.), seine Nachgiebigkeit oder Widerstandsfähigkeit angesichts einer Versuchung (1:10), die seinen Kurs bestimmt.41

Elterliche Verantwortlichkeit
im Alten Testament

Die Lehre der Sprüche steht im Einklang mit der des gesamten Alten Testaments. Von den Eltern wird gefordert, dass sie ihre Kinder im Geist des Herrn erziehen (vgl. Deu 6), auf der anderen Seite können sie aber das Schicksal ihrer Kinder in geistlicher Hinsicht nicht bestimmen. So erschütternd es auch sein mag: es kam vor, dass fromme Eltern gottlose Nachkommen hatten, und das lag nicht unbedingt an einem Versäumnis vonseiten der Eltern.

Isaak zeugte Esau, einen Mann, der die geistlichen Dinge verächtlich ablehnte (vgl. Heb 12:16). Noahs Sohn Ham zog sich den Fluch seines Vaters zu, nachdem er von der Zerstörung durch die Sintflut verschont worden war (Gen 9:20-27). Manoah und seine Frau lernten die Schande durch einen Sohn kennen, der von Gott große Kraft verliehen bekommen hatte, aber ein Tor war – durch Simson (vgl. Ri 13-16). Die beiden Söhne Elis waren wertlose, gottlose Männer (1.Sa 2:12), aber Eli wurde nicht für ihren Unglauben verantwortlich gemacht, sondern nur für seine Unfähigkeit sie zu bändigen (1.Sa 3:12-14). Samuels Söhne waren ebenfalls schlechte Menschen (1.Sa 8:1-3). Während ich immer der Meinung war, dass Samuel den gleichen Fehler wie sein Vorgänger Eli gemacht hätte, gibt der Text Samuel nirgends eine Schuld an der geistlichen Verfassung seiner Söhne. Das bedeutet natürlich nicht, dass er keinen Fehler gemacht hätte; es zeigt nur, dass die Verderbtheit seiner Söhne als deren eigene Sünde angesehen wurde und nicht als die Seine.

Überall im Alten Testament stelle ich fest, dass die geistliche Verfassung von Eltern nicht eins-zu-eins mit der ihrer Kinder korrelierte. Fromme Eltern konnten böse Kinder haben. Böse Eltern hatten manchmal gottgefällige Kinder. Die geistliche Gesinnung von Kindern wurde durch die der Eltern nicht vorherbestimmt.

Erinnern Sie sich beispielsweise an die biblischen Aufzeichnungen über die Könige von Israel und Juda. Josaphat wandelte in Gerechtigkeit in der Art seines Vaters Asa (1.Kö 22:41-44). Ahasja, der Sohn von Ahab und Isebel, folgte deren böser Art (1.Kö 22: 51-52). Asa dagegen, der Sohn des bösen Abijam, folgte der Art seines Vaters nicht, sondern tat, was Recht war in den Augen Gottes (1.Kö 15:9-15). Und Ahas, der Sohn Jothams, handelte nicht gerecht, wie sein Vater es getan hatte, sondern folgte dem Weg des Bösen, so wie die Könige in Israel es damals taten (2.Kö 16:1-4).

Dass jeder Mensch individuell für seine eigenen Sünden verantwortlich ist, zeigt das Gesetz, denn weder waren Eltern für die Verfehlungen eines Sohnes zu bestrafen, noch war ein Sohn für die Sünde seines Vaters zum Tode zu verurteilen.

„Väter sollen nicht wegen der Kinder zu Tode gebracht werden, und Kinder sollen nicht wegen der Väter zu Tode gebracht werden. Jeder sollte wegen seiner eigenen Sünde zu Tode gebracht werden” (Deu 24:16).

Nach der folgenden Passage aus dem Alten Testament könnte es so erscheinen, als würden die Sünden der Väter unausweichlich auch zu den Sünden der Kinder:

„Du sollst sie nicht anbeten oder ihnen dienen; denn Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Verfehlungen der Väter heimsucht an den Kindern und an der dritten und vierten Generation derer, die Mich hassen” (Deu 5:9).

Der hier festgelegte Grundsatz ist jedoch nicht der, dass ein Sohn dazu bestimmt ist, die gleichen Sünden wie sein Vater zu begehen, sondern der, dass unsere Kinder zu leiden haben, wenn wir sündigen. Die Folgen unserer Sünden müssen leider zum Teil von unseren eigenen Kindern getragen werden.42 Daniel wie auch Nehemia, beides Männer, die in der Zeit der Gefangenschaft Israels lebten, akzeptierten, dass das Volk Gottes aus dem Gelobten Land vertrieben worden war, weil seine Väter sich gegen Gott aufgelehnt hatten (Ne 9, Da 9). Wie aber aus den Gebeten von Nehemia wie von Daniel hervorgeht, lag ihr Leiden nicht nur an den Sünden der Väter, sondern genauso auch an ihren eigenen Sünden (vgl. auch Jes 65:7, Jer 3:25). Dem entsprechend konnte Daniel zutreffenderweise sowohl „wir haben gesündigt” (Da 9:8) sagen als auch „sie haben gesündigt” (Da 9:7-8).

Es war der Prophet Hesekiel, der ein schlimmes Missverständnis des Grundsatzes aus Deuteronomium 5:9 korrigierte:

„Und das Wort des Herrn erging an mich und er sagte: „Was bedeutet es euch, diesen Spruch über das Land Israel zu sagen, der da lautet: ‘Die Väter sind es, die die sauren Trauben essen, Aber die Zähne der Söhne werden stumpf’? So wahr Ich lebe,“ spricht Gott, der Herr, „sollt ihr gewiss dieses Sprichwort in Israel nicht mehr benutzen. Siehe, alle Seelen sind Mein, die Seele des Vaters ebenso wie die Seele des Sohnes sind Mein. Die Seele, die sündigt, sie wird sterben. Aber wenn ein Mensch gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit übt, … wenn er in Meinen Satzungen und Geboten wandelt und treu handelt – dieser ist gerecht und wird gewiss am Leben bleiben,“ so spricht Gott, der Herr“ (Hes 18:1-5,9).

Die alten Israeliten waren in ihrem Denken Prä-Freudianer. Sie glaubten, dass sie nur bestraft würden für die Sünden ihrer Väter. Deswegen waren sie fatalistisch und selbstzufrieden geworden. Wozu sollte man gerecht sein, wenn man sowieso (für die Sünden seiner Vorfahren) bestraft wurde? Hesekiel lehrte den Grundsatz der individuellen Verantwortlichkeit: Wenn ein Mensch gerecht ist, wird er leben, aber wenn er sündigt, wird er dafür Strafe leiden. Ein Mensch wird belohnt oder bestraft für seine eigenen Taten, nicht für die seiner Eltern.

Um jedes Missverständnis über dieses Prinzip der individuellen Rechenschaft zu vermeiden, gab Hesekiel konkrete Anwendungsbeispiele für seine Lehre. Ein gerechter Mensch hat möglicherweise einen bösen Sohn, für dessen Sünden er aber nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Nur der Sohn selbst ist verantwortlich für seine Sünden (Hes 18:10-13). Ein böser Mensch andererseits hat möglicherweise einen gerechten Sohn. Dieser Sohn wird gewiss am Leben bleiben, aber sein böser Vater muss sterben (Vers 14-18). Das Prinzip wird in Vers 20 noch einmal ganz klar gesagt:

„Die Seele, die sündigt, sie selbst wird sterben. Der Sohn wird nicht die Strafe leiden für das Vergehen des Vaters, noch wird der Vater die Strafe leiden für das Vergehen des Sohnes. Die Gerechtigkeit des Gerechten wird auf ihm selber sein, und die Bosheit des Bösen wird auf ihm selber sein.“

Hesekiel führt diesen Grundsatz sogar noch weiter: Ebenso, wie wir nicht aufgrund der Taten unserer Eltern belohnt oder bestraft werden, werden wir auch nicht aufgrund unserer eigenen Vergangenheit gesegnet oder verurteilt. Jemand, der böse war, kann bereuen und gerecht leben und ihm werden dann die Taten der Vergangenheit vergeben (Vers 21-23). Genauso kann der, der früher einmal gerecht gelebt, sich jetzt aber dem Weg des Bösen zugewandt hat, nicht auf seine frühere Gerechtigkeit pochen, sondern wird für seine gegenwärtigen Sünden bestraft werden (Vers 24). Wir haben nie die Möglichkeit, die Vergangenheit zur Entschuldigung der Gegenwart heranzuziehen – weder in Bezug auf die Taten unserer Eltern noch auf unser eigenes früheres Verhalten.

Es gibt im Alten Testament keine Wahrheit, die eindeutiger und konsequenter gelehrt wird als diese: Eltern sind zwar verantwortlich für ihren eigenen Charakter und Lebenswandel, aber sie sind nicht letztendlich verantwortlich für den Charakter ihrer Kinder.

Die Verantwortlichkeit für Kinder
nach dem Neuen Testament

Im Hinblick auf die Verantwortlichkeit von Eltern für den Charakter ihrer Kinder stimmt die Lehre des Neuen Testaments mit der des Alten vollständig überein: Es ist die Verantwortung christlicher Eltern, ihre Kinder anzuleiten und zu korrigieren.

Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Zucht und der Anleitung des Herrn (Eph 6:4).

Eltern sollen ihre Kinder auf Gottes Wegen leiten, sie können aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden für die Entscheidung, die ihre Kinder selbst bezüglich ihres Verhältnisses zum Herrn treffen. Ein Beweis dafür sind die Anforderungen Gottes an einen kirchlichen Führer im Hinblick auf seine Kinder. Gewiss werden diese Anforderungen für Älteste und Diakone nicht niedriger sein als für die übrigen Christen. Nach 1.Timotheus 3 sollen die Ältesten und Diakone nach der Befähigung ausgesucht werden, mit der sie die Führung über ihren eigenen Haushalt und ihre Kinder ausüben, nicht aber aufgrund ihrer geistlichen Errettung.

Er muss Jemand sein, der seinem eigenen Haushalt in vortrefflicher Weise vorsteht, der die Kinder mit Ernsthaftigkeit im Gehorsam hält (denn wenn ein Mann seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie will er für die Gemeinde Gottes sorgen?) … Lasst die Diakone Männer einer Ehefrau sein, die ihren Kindern und ihrem eigenen Haus wohl vorstehen (1.Tim 3:4-5,12).

Mancher mag sich fragen, ob Titus 1:6 dem nicht widerspricht, was ich gerade gesagt habe, denn es scheint, als fordere dieser Text, dass die Kinder eines Ältesten im Glauben errettet sein müssen.

Wenn nämlich irgendein Mann frei von Anklage ist, der Mann einer Ehefrau, und gläubige Kinder hat, die nicht der Verschwendung oder Widerspenstigkeit bezichtigt werden.

Ist diese Textstelle nicht eindeutig? Muss nicht ein Ältester auch an der geistlichen Verfassung seiner Kinder gemessen werden? Bengel bestätigte das: „Wer seine eigenen Kinder nicht zum Glauben bringen kann, wie soll der Andere dazu bringen?“43

Doch die Frage muss eigentlich umgekehrt gestellt werden. Kann irgendein Christ dafür verurteilt werden, dass es ihm nicht gelungen ist, einen anderen Menschen zu Christus zu bringen – oder gebührt ihm die Ehre, Jemanden bekehrt zu haben? Die Wahrheit ist doch, dass Niemand die Bekehrung eines Anderen herbeiführen kann. Wohl sind wir aufgefordert, unseren Glauben zu bezeugen, aber es wird von uns nicht verlangt, die Bekehrung irgendeines bestimmten Menschen herbeizuführen. Hätte denn unser Herr Bengels Anforderungen erfüllt? Errettete er Alle, zu denen er predigte? Und was ist mit Judas? Gelang es Paulus, Jeden zu bekehren, vor dem er seinen Glauben bekannte? Und sind alle durch Paulus Bekehrten standhaft geblieben?

Wir können Niemanden zum Glauben bringen. Gott allein kann den Menschen Glauben und neues Leben geben. Wir aber können nur Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums ablegen und die Menschen dringend mahnen, Christus anzunehmen. Ob es unsere Kinder, unsere Eltern oder unsere Nachbarn sind – wir können für Keinen von ihnen die Verantwortung übernehmen, dass er bekehrt wird. Wir sind nur dafür verantwortlich, ein gottgefälliges Leben zu führen und für unseren Glauben Zeugnis abzulegen. Warum also sollte irgendein Ältester nach dem Glauben Einzelner seiner Familienmitglieder beurteilt werden?

Wie können wir dann aber Titus 1:6 verstehen? Ich glaube, die Erklärung ist recht einfach. Erstens müssen wir uns fragen, wie eine so wichtige Forderung, wenn es denn eine Forderung ist, in Paulus’ Brief an Timotheus fehlen konnte. Zweitens brauchen wir nur in ein griechisches Wörterbuch zu schauen, um festzustellen, dass das griechische Wort pistos in den meisten Fällen in der Bedeutung von ‚zuverlässig’, unseren Glauben oder unser Vertrauen stärkend, gebraucht wird (vgl. Titus 1:9, „das zuverlässige Wort“). So verstanden es auch die Übersetzer der King-James-Version, die das Wort als ‚zuverlässig’ übertrugen. Drittens sollte man auch sehen, dass das Wort durch die nachfolgende Formulierung näher erläutert wird. Wie sollen sich die ‚zuverlässigen’ Kinder eines Ältesten benehmen? Sie dürfen nicht der Verschwendung oder Rebellion beschuldigt sein. Ich ziehe an dieser Stelle die Übersetzung der NIV vor: Man soll „ihnen nicht den Vorwurf machen können, dass sie wild und ungehorsam sind“, eine Charakterisierung, die mit der aus 1.Timotheus 3 übereinstimmt.

Schlussfolgerung

Diese Lektion hat weit reichende Implikationen. Lassen Sie mich zunächst Diejenigen unter Ihnen ansprechen, die noch nicht zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind.

1. SIE KÖNNEN SICH NICHT AUF DEM GLAUBEN IHRER VÄTER AUSRUHEN. Ich weiß, dass es ein Lied gibt mit dem Titel „Glaube unserer Väter“, aber wir wollen seine Bedeutung für uns nicht fehldeuten. Der Glaube unserer Väter war ein heiliger Glaube, aber es ist nicht unser Glaube. Der Gegenstand ihres und unseres Glaubens ist derselbe – Jesus Christus –, aber ihr Glaube ist nicht unser Glaube, wenn wir nicht selbst dahin kommen, Christus als den Einen anzuerkennen, der an unserer Stelle auf Golgatha starb und dessen Gerechtigkeit die Unsere wurde und zur Vergebung unserer Sünden und zu ewigem Leben führt. Es spielt keine Rolle, wenn Ihr Vater Prediger, Missionar oder Kirchenführer war. Der einzige Weg, der zu Ihrer Errettung führt ist Ihre persönliche Entscheidung für den Glauben an Christus. Das ist der Grund, warum die ersten neun Kapitel der Sprüche das Kind immer wieder dazu drängen, auf dem Weg der Weisheit zu wandeln.

Wie Jemand einmal sehr passend gesagt hat: Gott hat keine Enkelkinder. Jede Generation muss sich wieder entscheiden, ob sie auf Christus vertrauen oder ihn ablehnen will. Im Alten Testament schloss Gott einen Bund mit Abraham (Gen 12:1-3), und auch Er bestätigte persönlich dieses Versprechen jeder neuen Generation gegenüber: gegenüber Isaak (26:24), Jakob (28:13-15) und gegenüber von dessen Söhnen (vgl. Gen 49:1ff., Ex 20:1ff. und alle Verheißungen an Israel im Alten Testament). Der Glaube ist eine persönliche Sache. Man kann die Erlösung nicht von seinen Vorvätern erben, denn sie ist eine Gabe Gottes an die, die Ihn um Errettung anrufen.

2. SCHIEBEN SIE DIE SCHULD FÜR IHREN UNGLAUBEN JA NICHT AUF IHRE ELTERN ODER IHRE VERGANGENHEIT. Viele Menschen erklären ihre Entscheidung gegen Christus mit Dingen aus der Vergangenheit: sie haben zu viele Heuchler kennen gelernt; ihre Eltern waren zu gesetzesgläubig; ihre Vergangenheit ist zu sündenbeladen, als dass ihnen vergeben werden könnte. Keine dieser Ausreden wird Gott beeindrucken. Niemals erleiden Sie die Qualen der Hölle wegen der Sünden eines Anderen, sondern nur um Ihrer persönlichen Entscheidung willen, Gottes rettendes Angebot abzulehnen. Und damit Sie nicht irgendwie Gott dafür die Schuld geben: Er freut sich an Niemandes Verdammnis. Er erfreut sich daran, Menschen von ihren Sünden zu befreien.

„Habe Ich denn wirklich Gefallen am Tod eines Bösen,” spricht Gott, der Herr, „und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinem Weg abkehrt und am Leben bleibt?” (Hes 18:23)

3. SIE MÜSSEN DIE ÄUSSERLICHEN ERSCHEINUNGEN UND DEN KERN CHRISTLICHEN GLAUBENS AUSEINANDER HALTEN. Die alten Israeliten verwechselten immer mehr ihre zeremonielle Gesetzestreue mit echtem Glauben. Auch heute denken viele Männer und Frauen, dass sie errettet werden, wenn sie in die Kirche gehen, immer etwas in den Klingelbeutel tun, in einem Gemeindegremium mitarbeiten, oder dadurch, dass sie getauft sind. Gott aber schreibt uns zwar vor, wie wir uns als Christen verhalten sollen; dennoch ist es nicht unser Verhalten, das uns rettet, sondern Christus. Viele unserer jungen Leute fallen scheinbar vom Glauben ab, sobald sie auf das College kommen oder ihr Zuhause verlassen – aber in Wirklichkeit haben sie bis dahin nur den Gepflogenheiten der Familie gehorcht und niemals selber einen Glauben angenommen, noch die persönliche Beziehung zu Christus als Grundlage für alles Andere gesehen. Unterscheiden wir also sorgfältig zwischen Form und Inhalt, wenn es um unseren Glauben geht!

Die Kernaussage dieser Botschaft ist die Folgende: ELTERN TRAGEN DIE VERANTWORTUNG DAFÜR, DASS SIE GOTTGEMÄSS HANDELN UND IHRE KINDER ZUR FRÖMMIGKEIT ERZIEHEN, ABER SIE KÖNNEN IHRE KINDER NICHT GOTTGEMÄSS MACHEN. Ich möchte einige praktische Konsequenzen aus diesem Grundsatz aufführen.

1. WENN GOTTGEMÄSSE ELTERN ÜBER DIE ENTWICKLUNG IHRER KINDER TRAUERN; KÖNNEN SIE DAS OHNE SCHULDGEFÜHLE TUN. Wenn wir eine Aussage aus der Bibel entnehmen können, dann sicherlich die, dass gottgemäße Eltern möglicherweise gottlose Kinder haben. Das bedeutet, dass die geistliche Verfassung der Eltern nicht an der der Kinder gemessen werden darf. Wenn Ihr Kind sich entschieden hat, Ihnen auf dem Weg des Herrn nicht zu folgen, so liegt das letztlich in der Verantwortung Ihres Kindes selbst. Sie können Ihr Kind nicht gottgemäß machen; das kann nur Gott. Es ist möglich, dass Sie fromm sind und dennoch ein gottloses Kind aufziehen. Übernehmen Sie nicht die Schuld für Etwas, für das Sie nicht verantwortlich sind.

Wenn Sie so sind wie ich, dann gehen Ihnen Ihre Fehler als Eltern sehr nahe. Niemand, den ich aus der Bibel oder aus meinem Umfeld kenne, ist immer ein vorbildlicher Vater oder eine vorbildliche Mutter gewesen. Wir alle haben Fehler gemacht. Wenn unsere Kinder sich entschieden haben, Gott zu folgen, dürfen wir uns diese Gnade Gottes in ihrem Leben nicht anrechnen. Und wenn wir versagt haben, dürfen wir auch darin Trost finden, denn Gott hat für unsere elterlichen Sünden wie für alle Anderen auch Vergebung bereitet. Wir können ferner Trost darin finden, dass unsere Fehler als Eltern nicht der Grund für die Gottlosigkeit unserer Kinder sind, geradeso wie unsere Erfolge nicht der Grund für ihre Frömmigkeit sind. Es gibt Vergebung für jede Sünde. Lassen Sie uns als Eltern Trost darin finden, dass die unverzeihliche Sünde nicht diejenige ist, als Vater oder als Mutter versagt zu haben.

2. WIR BRAUCHEN UNS NICHT IN SCHULDGEFÜHLEN ÜBER DIE FEHLER UNSERER KINDER ZU VERZEHREN, ABER WIR DÜRFEN AUCH NICHT SELBSTZUFRIEDEN SEIN. Hesekiel erachtete es als notwendig, Gottes Volk für seine Selbstzufriedenheit der Sünde gegenüber zu tadeln. Die Menschen entschuldigten ihre eigene Sündhaftigkeit, indem sie sie ihren Vorvätern anlasteten. Wir sollten nicht müßig werden, nur weil wir selbst unsere Kinder nicht erretten können. Sowohl das Alte als auch das Neue Testament fordern, dass wir unsere Kinder zur Erkenntnis Gottes erziehen (vgl. Deu 6:6-9,20-25; Eph 6:4). Wir müssen zwar nicht Rechenschaft über die Fehler unserer Kinder ablegen, aber wir tragen die Verantwortung für unsere eigenen Sünden als Eltern. Und obwohl wir unsere Kinder nicht selbst erretten können, können wir sie doch das Wort Gottes lehren, ihnen den Glauben an Christus eindringlich ans Herz legen und für ihre Errettung beten.

Die Tatsache, dass wir unsere Kinder nicht erretten können, sollte uns in keiner Weise von der gewissenhaften Erfüllung unserer elterlichen Verantwortlichkeiten abhalten. Zwar ist Gott der souveräne Erlöser, doch wir sind aufgefordert ihn zu verkünden. Und während wir selbst unsere Kinder nicht erretten können, kann Gott es doch tun. Wir sollten daher inbrünstig zu Ihm beten in dem Wissen, dass er Niemanden zu verderben wünscht 2.Pe 3:9; vgl. 1.Tim 2:4). Lassen wir uns diese Worte unseres Herrn eine Warnung sein:

„Und wer immer Einen von diesen Kleinen, die glauben, straucheln macht – es wäre besser für ihn, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde“ (Mar 9:42).

3. WENN WIR MEHR VERANTWORTUNG ALS NÖTIG FÜR DIE ENTWICKLUNG UNSERER KINDER ÜBERNEHMEN, KANN DIE ERZIEHUNG DADURCH SEHR BEHINDERT WERDEN. Zu viel Verantwortung für unsere Kinder zu übernehmen, kann ebenso zerstörerisch wirken wie zu wenig Verantwortung zu übernehmen. In der Annahme, dass für die geistliche Verfassung der Kinder hauptsächlich die Eltern verantwortlich sind, schließen wir möglicherweise auch daraus, dass unsere Frömmigkeit als Eltern an der Frömmigkeit unserer Kinder gemessen werden könnte. Das aber ist gefährlich und kann verheerende Folgen haben.

Lassen Sie uns beispielsweise annehmen, dass der Vater des Verlorenen Sohnes (Luk 15:11-32) zu den Ältesten in Ihrer Gemeinde gehörte. Was hätten Sie erwartet, dass er tun sollte, als sein Sohn ihn um sein Erbteil bat – wenn er doch genau wusste, was der damit anfangen würde? Der Vater hätte es nicht gewagt, sein Kind scheitern zu lassen, denn man hätte das als ein Scheitern des Vaters selbst angesehen. Und dabei ist der Vater in diesem Gleichnis nicht nur ein Vorbild dafür, wie wir uns als Eltern verhalten sollten, sondern er ist auch ein Sinnbild für Gott Selbst und die Art, wie Er mit uns umgeht.

Nur durch Scheitern nämlich kam dieser ‚Verlorene Sohn’ zur Besinnung. Erst nachdem er sein Geld vergeudet hatte und bei den Schweinen leben musste, sah er die Torheit seines Weges ein. Dann bereute er und kehrte zu seinem Vater zurück. Welcher Sohn, glauben Sie, war der Weisere und Frömmere – der, der seinem Vater niemals Schande bereitet, aber auch niemals wirklich die Gnade verstanden hatte (wie die Schriftgelehrten und die Pharisäer in den Tagen unseres Herrn), oder der, der gesündigt hatte und bereute? Genau diese Frage war es, die unser Herr an die scheinheiligen religiösen Führern Seiner Zeit richtete:

„Was denkt ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne, und er ging zu dem Ersten hin und sprach: ‚Mein Sohn, gehe heute im Weinberg arbeiten.’ Und dieser antwortete und sagte: ‚Das werde ich tun, Herr’, aber er ging nicht hin. Und er kam zu dem Zweiten und sagte das Gleiche. Aber dieser antwortete und sprach: ‚Ich werde es nicht tun.’ Danach aber gereute es ihn und er ging hin. Welcher von den Beiden hat den Willen seines Vaters getan?“ Sie sagten: „Der Letztere.“ Jesus sprach zu ihnen: „Wahrlich, ich sage euch: die Steuereinnehmer und die Huren werden vor euch in das Reich Gottes eingehen.“ (Mat 21:28-31).

Es will mir scheinen, dass wir über die Frömmigkeit der Kinder oft vorschnell urteilen, wo erst die Zeit zeigen wird, was geschieht. Mir scheint, wir loben die äußerlichen Erscheinungen von Gehorsam und Konformität, statt den Geist der Gehorsamkeit zu suchen, der, selbst aus Torheit und Sündhaftigkeit, zur Reue führen kann. Wir müssen Gott Zeit lassen, im Leben unserer Kinder zu wirken, und davon ausgehen, dass Er durch ihre Fehler ebenso wirkt wie durch ihren Gehorsam. Ist das nicht schließlich auch die Art, in der Er bei uns selbst wirkt?


39 Otto Zöckler, The Proverbs of Solomon. Commentary on the Holy Scriptures [Die Sprüche Salomos, Kommentar zur Heiligen Schrift]; von John Peter Lange (Grand Rapids: Zondervan [Reprint], 1960), Bd. V (im Orig. Bd. X von O.Z.), S. 192.

40 Derek Kidner, The Proverbs [Die Sprüche], Chicago: Inter-Varsity Press, 1964, S. 147.

41 Ibid, S. 50-51.

42 Deuteronomium 5:9 lehrt, dass unsere Kinder sicher die Folgen der Sünde ihrer Eltern spüren werden, aber das ist weit entfernt von der Aussage, dass ein Kind unausweichlich dem sündigen Pfad seiner Eltern folgen wird. Für das Kind eines Ehebrechers ist es kein unausweichliches Schicksal, zum Lügner zu werden, nur weil sein Vater betrügt. Und die Umkehrung von Deuteronomium 5:9 trifft ebenfalls zu. Das Kind gerechter Eltern wird wegen der Gerechtigkeit seiner Eltern Segnungen erfahren: Der Gerechte wandelt in integerer Lauterkeit – Wie sehr sind seine Söhne nach ihm gesegnet (Spr 20:7).

43 Bengel, zitiert nach A.R. Fausset in seinem Kommentar zum Brief an Titus. Robert Jamieson, A.R. Fausset, David Brown, A Commentary on the Old and New Testaments [Kommentar zum Alten und Neuen Testament], Grand Rapids: Eerdmans Publishing Co., [Photolithoprint] 1967, VI, S. 517.

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