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Die Reinigung des Tempels (Johannes 2:12-22)

Einleitung

Die Alten Hasen unter Ihnen erinnern sich wahrscheinlich an mein „Traumauto“. Nun ja, es handelte sich um einen Pickup. Genauer gesagt: Es war ein 1940er Ford Pickup mit einem neueren Modell eines V8-Motors mit verbesserter Leistung, mit einem frisierten Auspuff (schön laut), einem höhergelegten Hinterteil und individueller Lackierung (braunviolett mit weißem Muschel- und Pinstriping-Design). Es begann damit, dass mein Vater entschied, unser 1936er Ford Pickup wäre nicht mehr zu gebrauchen. Diese Entscheidung war sicher richtig, denn der Wagen blieb häufig liegen, er hatte keine Zulassung (wir fuhren damit nur auf unserem eigenen Gelände) und auf der Fahrerseite fehlte die Tür. Wir besaßen einen kleines Fischereigelände und deshalb brauchten wir einen Pickup, um Feuerholz, Abfälle oder andere Dinge zu transportieren. Der alte 1936er Pickup gehörte, jedenfalls in meinen Augen, mir und er erfüllte seine Aufgabe nicht mehr. Wir brauchten etwas Besseres.

So kam es, dass mein Dad und ich mehr als einhundert Meilen weit nach Portland/Oregon trampten, weil wir dachten, dass man dort sicher einen guten gebrauchten Kleinlaster finden könnte. Wir begannen am einen Ende einer Straße, an der ein Gebrauchtwagenhändler neben dem anderen lag. Als der Tag zu Ende ging, näherten wir uns dem letzten Autohändler an dieser Straße und auch dem Zeitlimit, das wir uns gesetzt hatten, um uns – wiederum per Anhalter – auf den Heimweg zu machen. Wir beschlossen, es noch bei einem allerletzten Händler zu probieren, bevor wir uns dann auf den Rückweg machen würden. „Sie haben nicht zufällig einen älteren, gebrauchten Pickup?“ fragte mein Vater. „Nur einen ziemlich heißen Schlitten“, erwiderte der Verkäufer. Hatte er „heißer Schlitten“ gesagt? Ich konnte es kaum glauben! Ich war noch nicht ganz 16, aber ich war (auf unserem Gelände) schon einige Jahre lang gefahren. „Heißer Schlitten?“ Ich war ganz Ohr.

Der Autohändler nahm meinen Dad und mich mit auf die Rückseite des Hauses, wo dieser wundervolle kleine Pickup abgestellt war. Er war einfach vollkommen. Mein Dad sagte dem Mann, dass wir 400 Dollar in bar hätten und mehr als das nicht zahlen könnten – und der Mann akzeptierte es. Auf dem Heimweg konnte mein Dad es sich nicht verkneifen, etwas Gummi auf dem Pflaster zu hinterlassen (er war einen 6-Zylinder-Plymouth gewöhnt). Wir waren mächtig stolz, als wir in unsere Einfahrt fuhren. Meine Mutter aber war skeptisch, und das mit gutem Grund. Nicht dass an dem Laster irgendetwas auszusetzen gewesen wäre. Aber gerade das war das Problem. Er war einfach perfekt – zu perfekt. Wir sträubten uns dagegen, dieses herrliche Fahrzeug dadurch zu „verschandeln“, dass wir Feuerholz oder Müll darin transportierten. Das wäre einfach nicht richtig gewesen. Unnötig zu sagen, dass der Laster uns nicht sehr lange auf dem Fischereigelände erhalten blieb. Er wurde zur Legende, nachdem er den Besitzer gewechselt hatte. Wir tauschten ihn gegen einen 1951er Dodge Pickup mit Automatikgetriebe; und falls Sie nicht wissen, was das bedeutet, kann ich es Ihnen in wenigen Worten sagen: „pathetisch und kraftlos“. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, Abfälle auf diesen Laster zu laden; er konnte kaum verschandelt werden.

Ich nehme an, jeder von uns hat schon einmal etwas besessen, das er als etwas ganz Besonderes ansah, als etwas, das er auf keinen Fall durch Missbrauch „verschandelt“ sehen wollte. Was immer dieser kostbare Gegenstand aber auch gewesen sein mag, er konnte doch nicht so kostbar für uns sein, wie es der „Tempel“ für unseren Herrn war. Unsere Lektion beschäftigt sich mit der „Reinigung“ des Tempels durch unseren Herrn, wie sie im zweiten Kapitel des Johannes-Evangeliums beschrieben wird. Johannes zählt dieses Ereignis zu den wichtigeren Handlungen unseres Herrn zu Beginn Seines öffentlichen Dienstes. Unsere Aufgabe besteht nun darin zu lernen, warum er damit Recht hat und was diese Reinigung des Tempels mit Männern und Frauen zu tun hat, die Jahrhunderte danach leben. Ich kann Ihnen versichern dass dieses Ereignis tatsächlich von Wichtigkeit ist und dass es uns heutigen Menschen viel zu sagen hat. Ich bitte Sie dringend, den Text und seine Botschaft für uns heutige Menschen – insbesondere auch seine Botschaft an Sie persönlich – zu bedenken.

Ein wenig Hintergrundinformation

Bei dem „Tempel“ in unserem Text handelt es sich um den Tempel in Jerusalem. Es war nicht der erste, von Salomon errichtete Tempel (siehe 1. Könige 6-7) und auch nicht der zweite Tempel, den die Juden nach ihrer Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft wieder aufbauten (Esra 6:15)105. Es war der dritte Tempel, genannt der „Tempel des Herodes“. Dieser Tempel war von Herodes gebaut worden; weniger um den Gottesdienst für Israel zu unterstützen, als vielmehr um die Juden mit ihrem idumenäischen König zu versöhnen. Der Bau des Tempels begann 19 v.Chr. und dauerte 46 Jahre. Zu Zeiten unseres Herrn war der Tempel weitgehend fertiggestellt; vollständig fertiggestellt wurde er aber gerade einmal 6 Jahre vor seiner Zerstörung im Jahre 70 n.Chr.. Er war vielleicht nicht so herrlich wie der erste, von Salomon errichtete Tempel, aber er muss den zweiten Tempel an Schönheit und Pracht übertroffen haben (vergleiche Esra 3:12, Markus 13:1).

In Seiner frühen Kindheit war Jesus zu Seiner Darstellung vor Gott zum Tempel in Jerusalem gebracht worden, und dort hatten Ihn Simeon und Anna beide als den verheißenen Messias angebetet (Lukas 2:21-38). Als unser Herr 12 Jahre alt war, begleitete Er Seine Eltern nach Jerusalem und versetzte dort sie und andere in äußerstes Erstaunen:

41 Nun gingen Jesu Eltern jedes Jahr zur Passah-Feier nach Jerusalem. 42 Als er zwölf Jahre alt war, gingen sie dem Brauch gemäß hinauf. 43 Aber als die Feierlichkeiten zu Ende waren und sie nach Hause zurückkehrten, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem zurück. Seine Eltern wussten es nicht; 44 sondern da sie annahmen, er sei in der Gruppe der mit ihnen Reisenden, gingen sie eine Tagesreise weit. Dann begannen sie, unter ihren Verwandten und Bekannten nach ihm zu suchen. 45 Da sie ihn nicht finden konnten, kehrten sie nach Jerusalem zurück, um nach ihm zu suchen. 46 Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel, wo er unter den Lehrern saß und ihnen zuhörte und Fragen stellte. 47 Und alle, die Jesus hörten, staunten über sein Verständnis und seine Antworten. 48 Als seine Eltern ihn sahen, waren sie überwältigt. Seine Mutter sagte zu ihm: „Kind, warum hast du so an uns gehandelt? Sieh, dein Vater und ich haben voller Sorge nach dir gesucht.“ 49 Er aber erwiderte: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in meines Vaters Haus sein muss?“ 50 Doch seine Eltern verstanden nicht, was er ihnen damit sagte. 51 Anschließend ging er mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Seine Mutter aber bewahrte alle diese Dinge in ihrem Herzen (Lukas 2:41-51).

Die Eltern unseres Herrn fanden gewiss, dass Jesus ein Musterkind war und ein junger Mann, auf den sie sich verlassen konnten. Sie sahen keine Notwendigkeit, ihn ständig zu überwachen, und da sie mit einer Karawane reisten, vermissten sie Ihn noch nicht einmal auf ihrer Rückreise von Jerusalem. Schließlich stellten sie fest, dass Er nicht bei ihnen war und gingen den ganzen Weg nach Jerusalem zurück, wo sie Ihn im Tempel fanden. Dort saß Er, mitten unter den Gelehrten des Alten Testaments, denen er nicht nur intelligente Fragen stellte, sondern auch ihre Fragen beantwortete. (Würden Sie nicht auch gerne wissen, was das für Fragen und Antworten waren?) Die Gelehrten waren erstaunt, und ganz sicher waren das auch die Eltern unseres Herrn.

Ungeachtet dessen hatte Jesus ihnen erhebliche Ungelegenheiten verursacht, als Er ihnen nichts von Seinem Zurückbleiben sagte. Sein Fehlen hatte dazu geführt, dass sie die Karawane der Anbeter verlassen und eine Tagesreise weit nach Jerusalem zurückgehen mussten. Sicher klang in ihrer Zurechtweisung auch Enttäuschung mit, als sie Ihn für Sein Zurückbleiben tadelten, aber Jesus fühlte sich davon nicht betroffen. Er war überrascht, dass sie Ihn suchen mussten. Wussten Sie denn nicht, wo Er zu finden sein würde? Hielten sie es für falsch, dass Er hier war? Er war in Seines Vaters Haus106 und „mit den Angelegenheiten Seines Vaters beschäftigt“ (Vers 49, NKJV). Nicht Er war im Unrecht, sondern sie, die sie die Situation an sich falsch einschätzten. Selbst schon im Alter von 12 Jahren hatte unser Herr genau erfasst, wer Er war und wozu Er gesandt worden war. Der „Tempel“, den Jesus in Lukas 2 aufsuchte, war ein Ort, wie er es sein sollte, ein Ort zur Anbetung Gottes und zum Studium Seines Wortes. Der „Tempel“, den Jesus annähernd 20 Jahre später vorfindet, scheint sich beträchtlich verändert zu haben und bedarf daher der Reinigung.

Ein kurzes Zwischenspiel in Kapernaum
(2:12)

12 Danach ging er hinab nach Kapernaum107, mit seiner Mutter108 und seinen Brüdern109 und seinen Jüngern, und blieb dort einige Tage lang.

Man mag sich fragen, warum Johannes diesen Vers aufnimmt. Johannes ist nicht der Mensch, der Zeit oder Platz verschwendet. Er wählt seine Worte sorgfältig (Johannes 20:30-31, 21:25). Warum also fügt er diese Worte ein? Ein Grund liegt darin, dass Kapernaum, wie wir wissen, der Stützpunkt werden wird, von dem aus unser Herr Seinen Dienst versieht (siehe Matthäus 4:13, 9:1). Dorthin scheint sich Seine Familie verlagert zu haben110. Dort sucht der Offizier (und andere – siehe Johannes 6:24) Jesus auf, um die Heilung seines Dieners von Ihm zu erflehen (Matthäus 8:5-13). Kapernaum wird größerer Verdammnis wert erachtet, weil die Menschen in dieser Stadt mehr als andere von unserem Herrn und Seinen Wundertaten gesehen haben (Matthäus 11:23; siehe Lukas 4:23). Ein weiterer Grund liegt darin, dass dies anscheinend der letzte Aufenthalt unseres Herrn bei Seiner Familie gewesen ist. Seine „Familie“ wird nun eine andere sein (siehe Markus 3:31-35).

Und schließlich will Johannes uns dadurch auch zeigen, dass die Ereignisse kurz hintereinander ablaufen111. Er hält in seinem Bericht die Zeitpunkte der entscheidenden Ereignisse zu Beginn des Dienstes unseres Herrn recht genau fest. So beschreibt Johannes die ersten paar Tage des öffentlichen Dienstes unseres Herrn in Kapitel 1 und in den ersten 11 Versen von Kapitel 2. Dann sagt er uns, dass Jesus, Seine Jünger und Seine Familie nach der Hochzeit hinab nach Kapernaum gingen. Die Jünger wurden für die Tage ihres Aufenthalts in Kapernaum anscheinend bei der Familie unseres Herrn aufgenommen. Nach allem, was wir über die Brüder unseres Herrn wissen, glaubten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht an Jesus als den verheißenen Messias (Johannes 7:5). Sie hatten möglicherweise sogar etwas gegen die Störung durch Jesus und Seine Jünger. Jesus und die Männer in Seiner Begleitung bleiben nicht lange in Kapernaum. Nach einigen („nicht ... vielen“) Tagen machen sie sich auf den Weg nach Jerusalem zu den Passah-Feierlichkeiten.

Die Reinigung112 des Tempels
(2:13-17)

13 Nun war das jüdische Passahfest nahe113 und Jesus ging daher hinauf114 nach Jerusalem. 14 Im Tempelhof fand er Menschen vor, die Ochsen und Schafe und Tauben verkauften, und die Geldwechsler an Tischen sitzen. 15 So machte er aus Schnüren eine Peitsche und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, zusammen mit ihren Ochsen und Schafen. Er schüttete die Münzen der Geldwechsler aus und stieß ihre Tische um. 16 Zu denen, die die Tauben verkauften, sagte er: „Schafft diese Dinge fort von hier! Macht doch meines Vaters Haus nicht zu einem Marktplatz!“ 17 Seine Jünger dachten daran, dass geschrieben steht: „Leidenschaft für dein Haus wird mich verzehren.

Die Feier des jüdischen Passah [engl.: Passover, Anm.d.Ü.] erinnert an die Befreiung der Israeliten aus Ägypten, als der Engel des Todes an jedem Haus vorüberging [hebr.: pesach, engl.: passed over; Anm.d.Ü.], wo das erste Passah mit seinen Vorschriften befolgt und das Blut des Passah-Lamms auf beide Türpfosten und den Türsturz aufgebracht worden war (siehe Exodus 12 und 13). Die Passah-Feier bildete auch den Beginn des Festes der Ungesäuerten Brote, so dass die gesamten Passah-Feierlichkeiten eine Woche lang dauerten115. Für jeden erwachsenen männlichen Israeliten war die Teilnahme Pflicht116:

Von jedem männlichen Juden ab dem Alter von zwölf Jahren wurde erwartet, dass er in Jerusalem am Passah teilnahm, einem Fest, das in Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft gefeiert wurde. Am zehnten des Monats Abib oder Nisan (der weitgehend unserem März entspricht; nur die letzten Tage erstrecken sich manchmal in den April hinein) wurde ein männliches Lamm, in seinem ersten Lebensjahr und ohne Makel, ausgewählt; und am vierzehnten Tag wurde es zwischen drei Uhr und sechs Uhr am Nachmittag getötet.117

Man kann sich nur schwer das Bild vorstellen, das sich den Augen unseres Herrn bietet, als Er in die Stadt Jerusalem kommt und auf den Tempel zugeht. Wir wissen aus der Pfingstszene in Apostelgeschichte 2, dass eine große Menschenmenge zur Passah-Feier nach Jerusalem strömte, so wie das auch zum Laubhüttenfest und zum Pfingstfest (oder Wochenfest) der Fall war. Es ist schwer abzuschätzen, wie viele Menschen – nicht nur aus dem übrigen Israel, sondern aus der ganzen Welt (siehe Apostelgeschichte 2:4-12) – nach Jerusalem kamen. Die Juden und die Proselyten hatten die Tempelsteuer von einem halben Schekel in der Währung des Tempels zu entrichten; das heißt, ausländische Währungen wurden nicht akzeptiert und mussten zuerst in die richtigen Münzen gewechselt werden. Außerdem mussten die Anbetenden ihre Opfer darbringen, und viele der Reisenden hatten nur die Möglichkeit, ihr Opfertier dort in Jerusalem selbst zu kaufen.

In früheren Zeiten hätten sie an einem Ort außerhalb des Tempelbezirks ein Tier kaufen und ihr Geld wechseln können: „Es gab Zeiten, da die Tierverkäufer ihre Ställe jenseits des Kidron-Tals an den Hängen des Ölbergs aufgeschlagen hatten; damals aber standen sie im Tempelhof, zweifellos im Hof der Heiden (dem äußersten Hof).“118 Aus irgendwelchen Gründen waren die Tiere also inzwischen in den Tempelbezirk gebracht worden. Das war natürlich „bequemer“: Die Menschen konnten nun ihre Opfertiere direkt beim Tempel kaufen und dort auch ihr Geld wechseln. Allerdings kann man schwerlich glauben, dass das der wirkliche Grund war.

Theoretisch traf es zu, dass jeder Anbeter ein Tier seiner eigenen Wahl zum Tempel bringen durfte. Aber er sollte das nur einmal versuchen! Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es nicht die Billigung der Richter finden, der privilegierten Verkäufer, die die Münzkisten des Annas füllten! Um sich also Schwierigkeiten und Enttäuschung zu ersparen, kaufte man die Opfertiere eben hier im Vorhof, der der Hof der Heiden genannt wurde, weil diese ihn betreten durften. Natürlich waren die Vieh- und Schafhändler versucht, exorbitante Preise für diese Tiere zu verlangen und die Anbeter auszunehmen. Und die Taubenverkäufer taten wohl dasselbe und verlangten vielleicht vier Dollar für ein Paar Tauben, das nur fünf Cent wert war (A. Edersheim, The Life and Times of Jesus the Messiah [Leben und Zeit des Messias Jesus], New York, 1897, Bd. I, S. 370). Und dann gab es da die Geldwechsler, die mit gekreuzten Beinen hinter kleinen Tischen voller Münzen saßen. Sie gaben dem Anbeter die dem Gesetz entsprechenden jüdischen Münzen im Austausch für ausländische Währung. Man muss bedenken, dass nur jüdische Münzen im Tempel geopfert werden durften, und jeder Gottesdienstbesucher – Frauen, Sklaven und Minderjährige ausgenommen – musste die jährliche Tempelabgabe von einem halben Schekel bezahlen (vgl. Ex. 30:13). Die Geldwechsler verlangten für jede Transaktion eine bestimmte Gebühr. Auch hierbei gab es reichlich Gelegenheit für Täuschung und Missbrauch. In Anbetracht dieser Zustände war der Heilige Tempel, der ein Haus des Gebetes sein sollte, zu einer Räuberhöhle geworden (vgl. Jes. 56:7; Jer. 7:11; Mar. 11:17).119

Das hier dargestellte Bild wird von denen, die sich mit den neutestamentarischen Evangelien befassen, allgemein akzeptiert. Wenn jemand versuchte, seine eigenen Opfertiere mitzubringen, konnte es ihm sehr wohl passieren, dass diese von den Tempelpriestern „abgelehnt“ wurden und er dadurch gezwungen war, „genehmigte“ Tiere zu einem viel höheren Preis zu kaufen. Die gleiche Art von Erpressung fand zweifellos an den Tischen der Geldwechsler statt. Ich bezweifle sehr, dass unser Herr den Tempel später als „Räuberhöhle“ bezeichnet hätte (Markus 11:17), wenn er dabei nicht an derlei Korruption gedacht hätte. In unserem Text konzentriert sich Johannes allerdings nicht auf die Art, wie die Kaufleute ihren Geschäften nachgingen, sondern vielmehr darauf, wo sie ihre Geschäfte machten – nämlich im Tempelbezirk.

Auch Markus nimmt sich in seinem Evangelium dieses Themas an und weist darauf hin, dass ein wesentlicher Zweck des Tempels dadurch behindert wurde, „wo“ diese Geschäftsleute ihre Geschäfte machten. Der Tempel sollte ein „Haus des Gebetes für alle Völker“ sein (Markus 11:17). Die äußeren Vorhöfe des Tempels sind der einzige Ort, wo die Heiden anbeten können. Sie dürfen nicht weiter als bis zu einem bestimmten Punkt in den Tempel hineingehen (siehe Apostelgeschichte 21:27-30). Wenn nun die äußeren Vorhöfe voller Ochsen und Lämmer und Tauben sind, gibt es keinen Platz mehr, wo die Heiden beten und Gott verehren können. Können Sie sich vorstellen, mitten in so etwas wie einem Viehhof zu beten, mit dem ganzen Lärm der Tiere und der zankenden Händler um Sie herum? Können Sie sich vorstellen, wie es ist, sich zwischen lauter Rindern hindurchzuzwängen, die im Vorhof angebunden stehen? Stellen Sie sich vor, sie müssten bei jedem Schritt aufpassen, damit Sie nicht in etwas Unschönes treten120. Es ist wohl so, dass de facto die Anbetung der Heiden verhindert wird; aber ich bezweifle, dass das den Juden wirklich Sorge bereitete, von denen viele ja von vorneherein gar nicht davon angetan waren, dass die Heiden an ihrer Anbetung teilnahmen.

Was Jesus sich im Tempelbezirk abspielen sieht, stört Ihn sehr! Der Ort des Gebetes ist zu einem Ort des Profits geworden. Es hört sich an wie der Handelssaal der New Yorker Börse statt wie ein Vorhof von Gottes Tempel. Es riecht wie ein Bauernhof statt wie ein Ort, an dem man Gottes Gegenwart sucht121. Jesus betritt den Vorhof des Tempels und macht Sich eine Peitsche aus dem, was dort gerade griffbereit ist (wahrscheinlich aus dem Seil, mit dem die Tiere angebunden wurden). Dann treibt Er alle aus dem Tempelbezirk hinaus. Das Wort „alle“ verstehe ich so, dass Er nicht nur die Tiere hinaustrieb, sondern auch diejenigen, die diese Tiere verkauften. Die Münzen der Geldwechsler liegen verstreut am Boden und ihre Tische sind umgestoßen. Zu den Taubenverkäufern sagt Jesus: „Schafft diese Dinge fort von hier! Macht doch meines Vaters Haus nicht zu einem Marktplatz!“122

Nach dem Tod und der Auferstehung unseres Herrn erinnerten sich Seine Jünger daran, dass geschrieben war123: Leidenschaft für dein Haus wird mich verzehren (Vers 17). Die Jünger sahen die Reinigung des Tempels dann im Licht von Psalm 69124:

8 Ich bin meinen Brüdern ein Unbekannter geworden / und ein Fremder den Kindern meiner Mutter, 9 denn Eifer für Dein Haus hat mich gefressen / und die Schmähungen derer, die Dich schmähen, sind auf mich gefallen (Psalm 69:8-9, NKJV).

In diesen zwei Versen wecken mehrere Dinge meine Aufmerksamkeit. Das erste ist, dass dieser messianische Psalm von der Entfremdung des Messias gegenüber den „Kindern seiner Mutter“ spricht. Könnte darin ein Grund dafür liegen, dass Johannes das kurze Familientreffen in Kapernaum erwähnt (Johannes 2:12)? Die Mutter unseres Herrn wird von dort an nicht mehr erwähnt bis zum Kreuz, und die Erwähnung der „Brüder“ unseres Herrn in Johannes 7:3-5 enthüllt deren Skepsis Jesus und Seinem Dienst gegenüber. Hat Jesus bereits begonnen, Sich Seinen eigenen Brüdern entfremdet zu fühlen?

Zudem wird Ihnen auffallen, dass David in Psalm 69:9 in der Vergangenheit schreibt: „Denn Eifer für Dein Haus hat mich gefressen.“ Es gibt bei den griechischen Johannes-Texten Unterschiede, und so benutzen die KJV und die NKJV die Vergangenheit: „Eifer für Dein Haus hat Mich gefressen.“ Die anderen Versionen geben den Vers in der Regel im Futur wieder und folgen damit den wahrscheinlich besten griechischen Texten125. Ich mag die Übertragung der New English Bible am liebsten:

„Eifer für Dein Haus soll mich vernichten.”

Psalm 69 ist ein Psalm Davids. Er betet darum, dass er um seiner Frömmigkeit willen frei gemacht werde. Der Psalm spricht von der dräuenden Gefahr vonseiten der Feinde Gottes, die David wegen seiner leidenschaftlichen Hingabe an Gott hassen und darum seinen Tod wollen. Weitere Teile dieses Psalms stellen Ereignisse dar, die sich bei der Kreuzigung unseres Herrn zutragen (siehe Ps 69:21). In diesem Psalm ist offenbar eindeutig eine Prophezeiung über den Opfertod enthalten, den unser Herr aufgrund Seines Eifers für die reine Anbetung erleidet.

Jesus handelt aus dem Eifer für Seines Vaters Haus heraus; Er erhebt Anspruch auf den Tempel und reinigt ihn im Namen Seines Vaters. Indem Er das tut, erfüllt Er die Prophezeiung, dass der Eifer für Seines Vaters Haus den Tod unseres Herrn herbeiführen wird. Die zweite Tempelreinigung126 (Matthäus 21:10-17; Markus 11:15-19; Lukas 19:45-46) setzt dann tatsächlich die Ereignisse in Gang, die zur Kreuzigung unseres Herrn führen127.

Die Antwort auf die Herausforderung
(2:18-22)

18 Da sagten nun die jüdischen Führer [wörtlich. „die Juden“128] zu ihm: „Was für ein Wunderzeichen kannst du uns zeigen, dass du so etwas tust?“ 19 Jesus erwiderte ihnen: „Zerstört diesen Tempel, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufrichten.“129 20 Da sagten die jüdischen Führer zu ihm: „An diesem Tempel ist sechsundvierzig Jahre lang gebaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?“ 21 Jesus aber redete von dem Tempel seines Leibes. 22 Als er dann von den Toten auferweckt worden war, erinnerten sich seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.

Die Juden – insbesondere die jüdischen Religionsführer, die durch das Tun unseres Herrn bei der Tempelreinigung unmittelbar herausgefordert werden – konfrontieren Jesus nun ihrerseits mit einer Herausforderung. Sie fordern ein Zeichen dafür, dass Er die Autorität hat, so zu handeln, wie Er es getan hat. Das Paradoxe dabei ist, dass die Tat Jesu selbst ja das Zeichen ist:130

1 „Siehe, Ich sende Meinen Boten / und er wird vor Mir her den Weg bereiten. / Und plötzlich wird zu Seinem Tempel kommen / der Herr, den ihr sucht, / ja, der Bote des Bundes, / an dem ihr euch erfreut. / Siehe, Er kommt“, / sagt der Herr der Heerscharen. 2 „Wer aber kann den Tag Seines Kommens ertragen? / Und wer kann bestehen, wenn Er erscheint? / Denn Er ist wie das Feuer eines Läuterers / und wie die Lauge eines Wäschers. 3 Er wird als ein Läuterer und ein Reiniger von Silber sitzen, / Er wird die Söhne Levi reinigen / und läutern wie Gold und Silber, / damit sie dem Herrn darbringen / ein Opfer in Gerechtigkeit“ (Maleachi 3:1-3, NKJV).

Ich finde die Worte der Juden ausgesprochen interessant. Sie argumentieren Jesus gegenüber gar nicht dagegen, dass es eine Untat ist, den Tempel zu einer Kaufhalle zu machen. Ich vermute, dass die Pharisäer in diesem Punkt sogar mit Ihm übereinstimmen. Es geht nicht darum, was getan worden ist, sondern wer es getan hat. Die Pharisäer werfen die Frage nach Jesu Identität und Autorität auf, und das ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Stopzeichen missachtet und werden von einem Polizisten angehalten. Wenn Sie klug sind, hören Sie dem Beamten höflich zu, geben ihren Fehler zu, nehmen ihren Strafzettel entgegen und bezahlen ihn. Wenn Sie jedoch ein Stopzeichen missachtet hätten und daraufhin von einem erbosten Passanten angehalten würden, wären Sie bestimmt viel weniger geneigt, höflich zuzuhören. Selbst wenn Sie im Unrecht wären, würden Sie wahrscheinlich protestieren: „Was glauben Sie denn, wer Sie sind, dass Sie mich hier einfach anhalten und über meine Fahrweise belehren?“

In einer Hinsicht betrachten die Juden die Handlung unseres Herrn schon als ein Zeichen. Wenn jemand den Tempel reinigt und die Vergehen rügt, die er dort vorfindet, dann setzt das eigentlich voraus, dass er dazu autorisiert ist. Wenn Jesus im Namen Gottes handelt (dass Er als Gott handelt, sind sie noch nicht in der Lage zu verstehen), dann soll Er Sich doch durch eine Vorführung Seiner göttlichen Macht ausweisen. Wenn Er mit Gottes Autorität handelt, soll Er doch ein Zeichen vollbringen, um das zu beweisen. Es gibt bei uns eine respektlose Formulierung, die die Geisteshaltung der (ja ebenfalls nicht sehr respektvollen) Juden bei ihrer Herausforderung widerspiegelt: „Put up, or shut up!“ [„Finde dich damit ab oder halte den Mund!“] Sie haben den Fehdehandschuh hingeworfen. Jetzt ist es an Jesus zu antworten.

Jesus lässt ihnen kein Zeichen zukommen. Er verweist noch nicht einmal auf die Zeichen, die Er anscheinend in Jerusalem schon vollbracht hat (siehe 2:23, 3:2). Er wird nicht durch den Reifen springen, den sie Ihm hinhalten. Er versucht noch nicht einmal, sie davon zu überzeugen, wer Er wirklich ist. Statt dessen spricht Er von dem „ultimativen Zeichen“, Seinem Tod und Seiner Auferstehung: „Zerstört diesen Tempel, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufrichten“ (Vers 19). Es ist typisch für die Juden, dass sie nur in ganz konkreten Begriffen denken können (siehe Nikodemus in Kapitel 3). Sie nehmen an, dass Er vom Tempel des Herodes spricht, einem Tempel, an dem „sechsundvierzig Jahre lang“ gebaut worden ist. Denkt Jesus etwa, er könnte in drei Tagen einen Tempel errichten, an dem schon sechsundvierzig Jahre lang gebaut wurde und der noch immer nicht fertig ist?

Johannes sagt seinen Lesern, was wir schon wissen: Jesus spricht nicht von diesem irdischen Tempel. Er weiß, dass auch der bald zerstört werden wird (Markus 13:1-2). Er spricht vielmehr von Sich Selbst als dem Tempel Gottes und von Seiner bevorstehenden Kreuzigung. Er versucht hier nicht, die Juden dazu zu überreden, dass sie an Ihn glauben, sondern prophezeit vielmehr, dass sie nicht glauben werden und dass sie Ihn auf Golgatha töten werden. Und dann wird sein Triumph nach drei Tagen offenbar werden, wenn Er von den Toten „aufgerichtet“ wird131.

Die Juden verstehen kein Wort. Wahrscheinlich gehen sie kopfschüttelnd auseinander und sind davon überzeugt, dass Jesus vollkommen verrückt ist. Auch die Jünger verstehen es nicht. Erst nach dem Tod und der Auferstehung unseres Herrn kommt ihnen diese Prophezeiung wieder in den Sinn und sie sehen, dass sie sich durch Ihn genau so erfüllt hat, wie Er es gesagt hat. Dann glauben sie an die Schrift und an das, was Jesus gesagt hat. Man könnte sagen, dass das, was Jesus gesagt hat, und das, was in der Schrift geschrieben steht, ein und dasselbe ist und dass beides erfüllt wurde132. Die Jünger gelangten zum Glauben an Jesus und an Seine Worte als Erfüllung der Schrift.

Es wird hier nicht ausdrücklich gesagt, was für eine „Schrift“ Johannes meint, an die sich die Jünger erinnern und an die sie glauben. Nach der Auferstehung unseres Herrn benutzten die Apostel die Schriften, um zu beweisen, dass Jesus der Messias war und dass Sein Tod und Seine Auferstehung vorhergesagt worden waren (siehe Apostelgeschichte 2:14-36, 13:16-41). Jesus Selbst gibt Seinen Jüngern diesbezüglich eine Lektion aus dem Alten Testament, bevor Er zum Vater in den Himmel fährt (Lukas 24:44-49).

Schlussfolgerung

Die Reinigung des Tempels schafft den Missbrauch, der in unserem Text beschrieben wird, nicht auf Dauer ab. Wir wissen, dass die Zustände im Tempel zum Zeitpunkt der (in den synoptischen Evangelien beschriebenen) zweiten Reinigung genau dieselben waren wie bei der ersten (von Johannes beschriebenen) Reinigung. Ich fürchte, dass die ganzen Tempelhändler unmittelbar nachdem unser Herr Jerusalem verlassen hatte sogleich wieder ihre Läden einrichteten und mit ihren Schandtaten weitermachten. Unser Herr beabsichtigt mit dieser ersten Reinigung, glaube ich, „eine Erklärung abzugeben“ – über Sich Selbst, über den Tempel und über das jüdische Glaubenssystem – und nicht das Problem, das Er angreift, auf Dauer zu lösen.

Der Tempel wird missbraucht, und Jesus reagiert zurecht auf diesen Missbrauch. Selbst die hartherzigen jüdischen Glaubensführer kriegen aber mit, dass sich daneben aber noch mehr abspielt. Sie erkennen, dass Jesus einen Anspruch geltend macht. Er beansprucht zur Abschaffung des Frevels autorisiert zu sein, der im Tempel begangen wird. Er nennt den Tempel „Seines Vaters Haus“. Niemand von denen, die dieses Ereignis unmittelbar miterlebten, erfasste das ganze Ausmaß seiner Bedeutung und Wichtigkeit. Die Jünger werden verstehen – aber erst nach dem Tod und der Auferstehung unseres Herrn, erst nach dem Kommen des Heiligen Geistes (siehe Johannes 16:12-14). Jesus kam nicht nur mit Gottes Autorität (wie es bei einem Propheten der Fall wäre); Er kam als Gott. Ja, Er ist Gott, der unter den Menschen wohnt, wie Johannes sagt (Johannes 1:14). Später spricht Er von Sich als von dem Tempel, und der ist Er tatsächlich:

21 Und die zwölf Tore sind zwölf Perlen – jedes der Tore ist aus einer einzigen Perle gemacht! Die Hauptstraße der Stadt ist reines Gold, wie durchsichtiges Glas. 22 Und ich sah keinen Tempel in der Stadt, denn der Herr Gott der Allmächtige ist ihr Tempel und das Lamm. 23 Die Stadt hat es nicht nötig, dass die Sonne oder der Mond auf sie scheine, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. 24 Die Völker werden in ihrem Lichte wandeln und die Könige der Erde werden ihre Pracht in sie hineinbringen. 25 Ihre Tore werden bei Tag niemals geschlossen werden (denn es wird dort keine Nacht geben). 26 Man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie hineinbringen, 27 aber nichts rituell Unreines wird je in sie hineinkommen noch irgendjemand, der Abscheuliches tut oder Falschheit verübt, sondern nur die, deren Namen im Lebensbuch des Lammes eingeschrieben sind (Offenbarung 21:21-27; Hervorhebung durch B. Deffinbaugh).

Bei der Reinigung des Tempels kommt unser Herr, um symbolisch in Besitz zu nehmen, was Ihm – als Gott – gehört. Da Er der Sohn Gottes ist, ist der Tempel Seines Vaters Haus; und so hat Er das Recht, den Missbrauch des Tempels abzustellen. Er hat das Recht, Menschen und Tiere aus dem Tempelbezirk zu vertreiben. Wenn ich den Bericht über die erste Tempelreinigung lese, fällt mir ein Kommentar von Leon Morris über Johannes 1:11 ein, der direkt mit unserem Text zu tun hat. Lassen Sie uns diesen Vers zunächst noch einmal ansehen:

9 Das wahre Licht, das jedem Menschen Licht gibt, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn erschaffen, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam zu dem, was sein Eigen war, doch sein eigenes Volk nahm ihn nicht auf (Johannes 1:9-11; Hervorhebung durch B. Deffinbaugh).

Es folgt, was Morris über den Ausdruck „Sein Eigen“ zu sagen hat:

Mit einem Anflug von Lebhaftigkeit beleuchtet Johannes die Tragödie der Ablehnung. Man könnte die Anfangsworte auch mit ‚er kam nach Hause’ übersetzen. Es ist dies genau der gleiche Ausdruck, den der geliebte Jünger benutzte, als er auf das Wort hin, das Jesus vom Kreuz herab sprach, Maria ‚in sein eigenes Haus’ aufnahm (19:27; vgl. 16:32). In gewisser Hinsicht kam das Wort nicht als ein Fremder in diese Welt. Er kam nach Hause. Zudem kam Er auch noch nach Israel. Es wäre schon schlimm genug gewesen, wäre Er in irgendein anderes Volk gekommen, aber Israel war ja ganz besonders Gottes eigenes Volk. Das Wort ging nicht dorthin, wo Er nicht hätte erwarten können, dass man Ihn kennt. Er kam nach Hause, wo die Menschen Ihn hätten kennen müssen.133

Einige Übersetzungen versuchen die Bedeutung der feinen begrifflichen Änderung festzuhalten, die Johannes in Vers 11 bewusst vorgenommen hat. Andere geben dagegen leider die beiden Begriffe mit ein und demselben Ausdruck, „Sein Eigen“, wieder. Die New English Bible überträgt diesen Satz: „Er kam in sein eigenes Reich und die Seinen wollten ihn nicht aufnehmen.“ Die NET-Bibel übersetzt: „Er kam zu dem, was sein Eigen war, doch sein eigenes Volk nahm ihn nicht auf.“ Morris würde übersetzen: „Er kam nach Hause und die Seinen wollten Ihn nicht empfangen.“ Merken Sie etwas? Als Jesus in den Tempel kommt, kommt Er „nach Hause“. Es ist Seines Vaters Haus. Er handelt im Auftrag Seines Vaters; und im Verlaufe dessen erklärt Er, dass Er Selbst Gott ist. Als Reaktion darauf weist man Ihn zurück – „die Seinen nahmen ihn nicht auf“.

Gott hat das Recht, in Besitz zu nehmen, was Ihm gehört. Hier beansprucht Jesus das Besitzausübungsrecht am Tempel, weil der Tempel Ihm gehört. Dieses Ereignis mag einem sehr weit entfernt vorkommen, so als hätte es mit uns heutigen Menschen nichts zu tun. Wir leben weit entfernt von Jerusalem, an einem Ort, wo es keinen Tempel (wie den von Herodes, der zerstört wurde) gibt. Warum also sollte uns dieses Ereignis überhaupt irgendetwas angehen? Das sollte es schon, mein Freund, das sollte es wirklich.

Die erste Herabkunft unseres Herrn geschah – zum Teil –, um Anspruch zu erheben auf das, was Ihm gehört. Die Zweite Herabkunft unseres Herrn, die als Ereignis noch in der Zukunft liegt, ist die Zeit, da Er kommen und vollständig in Besitz nehmen wird, was Ihm gehört. Jesus spricht, wie wir in den Evangelien sehen können, oft von Güterverwaltung. Der Grund dafür ist eigentlich klar: Wir besitzen letztendlich gar nichts; es ist alles Sein Besitz. Diese Erkenntnis wirft ein ganz neues Licht auf alles, was wir als unsere „Besitztümer“ ansehen. Manche Menschen denken anscheinend, sie besäßen tatsächlich alles, was sie haben, und könnten Gott, wenn ihnen großzügig zumute ist, vielleicht einen Anteil davon abgeben. In Wahrheit aber hat Gott auf alles einen Anspruch, und wir sind lediglich Verwalter Seiner Besitztümer. Wenn wir diese nur dazu benutzen, um darin zu schwelgen, werden wir der Verwalterschaft nicht gerecht. Wenn wir keinen guten Gebrauch von ihnen machen, versagen wir als Verwalter. Hören wir also auf damit, irgendetwas als unser Eigentum zu betrachten. Wir sollten viel weniger an den Dingen festhalten, die wir unsere Besitztümer nennen. Und wir sollten sie, als Seine Verwalter, gut nutzen.

Jesus kam, um in Besitz zu nehmen, was Ihm gehörte – Seinen Tempel. Jesus hatte das Recht festzulegen, wie die Menschen Seinen Tempel benutzen durften, und das Recht, diejenigen zurechtzuweisen, die ihn missbrauchten. Und nun wird die Kirche als Sein Tempel errichtet:

19 So seid ihr denn nicht länger Fremdlinge und Nicht-Eingebürgerte, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, 20 weil ihr auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut worden seid, mit Jesus Christus selbst als Eckstein. 21 Durch ihn wird der ganze Bau ineinandergefügt und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn; 22 in ihm werdet auch ihr zusammen erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist (Epheser 2:19-22; siehe auch 1. Petrus 2:4-10).

Demzufolge macht sich jeder, der der Kirche, Gottes Tempel, in irgendeiner Weise Schaden zufügt, eines besonders schwer wiegenden Vergehens schuldig:

16 Wisst ihr nicht, dass ihr134 Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in euch wohnt? 17 Wenn jemand Gottes Tempel verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr (1. Korinther 3:16-17).

Und was für eine Übereinkunft gibt es zwischen Gottes Tempel und den Götzen? Denn wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: „Ich will in ihnen wohnen und unter ihnen wandeln, und ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein” (2. Korinther 6:16).

Wenn es so ist, dass die Kirche kollektiv den Tempel unseres Herrn darstellt, dann stellen auch wir individuell „Tempel“ des Heiligen Geistes dar. Und weil das so ist, werden unsere Sünden im Leib sehr ernst genommen.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer Eigen seid? 20 Denn ihr wurdet um einen teuren Preis erkauft. Verherrlicht daher Gott mit eurem Leib (1. Korinther 6:19-20).

Wir sind Gottes Besitz; Er besitzt unseren Leib als Seinen Tempel. Wir gehören uns nicht selbst135. Im Zusammenhang von 1. Korinther 6 sagt uns Paulus, dass sexuelle Unmoral – auch wenn sie von der Gesellschaft sehr leicht genommen wird (siehe 6:13) – insbesondere für einen Christen eine schwer wiegende Sünde darstellt. Wenn unser Leib der Tempel Gottes ist, dann schänden wir Gottes Tempel, indem wir unseren Körper schänden. Wenn Jesus die Verschandelung des Herodes-Tempels so ernst nahm – was, glauben Sie, hält Er dann von der Art, wie Sie und ich mit unseren Körpern umgehen? Unsere Körper zu missbrauchen oder zu entehren bedeutet Gott zu beleidigen, dem sie gehören und der durch Seinen Geist in unseren Leibern wohnt.

Worte und Taten unseres Herrn haben auch einen Bezug zu unserem Umgang mit den Kirchengebäuden (oder anderen Orten der Anbetung). Lassen Sie es mich einmal ganz klar sagen: Kirchengebäude sind nicht „Gottes Haus“ in dem Sinne, wie es der Tempel war. Gott ist bei Seinem Volk, wenn es zusammenkommt; aber es ist nicht das „Gebäude“, in dem Er weilt, sondern die Gemeinde, Sein Leib. Ungeachtet dessen hat uns unser Text etwas über die Versammlung zum Gottesdienst zu sagen.

Kann es sein, dass wir die Kirche (das Gebäude) zu einem Kaufhaus, zu einem Ort des Handels machen? Wann immer wir damit beginnen, irgendetwas in der Kirche zu verkaufen, besteht diese Gefahr. Zuerst tun wir das vielleicht, weil wir den Gottesdienstbesuchern die Anbetung erleichtern wollen. Genau das hätten, denke ich, die Tempelhändler über ihre Motivation gesagt. Ob es Liederbücher, Kassetten und Videos sind, die ein Gastredner oder Musiker verkauft, oder aber Süßigkeiten, die verkauft werden, um ein Jugendlager zu bezahlen – wir müssen uns sehr vorsehen, dass die Kirche dadurch nicht in ein Einkaufszentrum verwandelt wird. Heutzutage werden in Kirchen eine Menge Sachen verkauft; die Gefahr ist also gegeben136.

Lassen Sie mich einmal kurz über die Kirchenmauern hinausgehen und ein Wort der Warnung über die Kommerzialisierung des Christentums anbringen. Ein großer Teil des Pfarrdienstes, der früher als der Dienst von der Kirche und durch die Kirche angesehen wurde, wird nunmehr „professionellen“ christlichen Dienstleistern überlassen. Das mag zum Teil unter biblischen Gesichtspunkten gerechtfertigt und sogar gut sein, zum Teil aber auch nicht. Ich fürchte, wir haben manche christlichen Dienste schon zu Industrien gemacht, zur „Firma Christentum“, in der einige Christen dazu übergehen, die Bedürfnisse anderer als Gelegenheit zum Profit anzusehen anstatt als Möglichkeit, ein Opfer zu bringen und den anderen zu dienen. Es betrifft mich zutiefst, wenn solche „Christlichen Dienste“ nur denen zu dienen bereit sind, die die Mittel haben, um dafür zu bezahlen, und die Armen, die es vielleicht am dringendsten brauchen, bewusst abweisen oder übergehen.

Wir müssen uns auch sehr vorsehen, dass wir nicht „kaufmännische Prinzipien“ übernehmen, um zu gewährleisten, dass unser Dienst „ein Erfolg“ wird137. Von solchen Dingen ist heutzutage viel die Rede, so als ob weltliche Handelsprinzipien der Schlüssel zu einem wirkungsvollen Dienst wären. Wenn, zum Beispiel, eine Kirchengemeinde ein Bauprojekt plant und zu Spenden für die Erweiterung aufruft, dominieren allzuoft Schaubilder, „Thermometer“-Säulen und Werbeplakate im Kirchenraum (das Wort „Heiligtum“ will ich hier gar nicht gebrauchen) und lenken von der Anbetung ab, die eigentlich dort stattfinden sollte. Diejenigen Prinzipien aus der Geschäftswelt, die wahrhaft biblisch sind, können vielleicht in der Kirche angewendet werden. Viele Leitsätze des weltlichen Handels aber stehen im Widerspruch zu biblischen Prinzipien. Ein großer Teil der Verkaufsmethoden nach der Madison-Avenue-Taktik basiert auf dem Appell an das Fleisch. Wo das aber der Fall ist, kommt der christliche Dienst besser ohne die entsprechenden Verkaufsprinzipien und –methoden aus.

Lassen Sie mich schließlich noch ein Wort über Jesus und Sein Gericht sagen. Viele Menschen stellen sich Jesus gerne als einen „Gott der Liebe“ vor, der nie kritisiert, nie beurteilt, nie verurteilt und dessen Ruf darauf abzielt, jeden zu bestätigen und glücklich zu machen. Ich muss Sie darauf hinweisen, dass unser Herr für Seine öffentliche Darstellung vor der Welt nicht die Verwandlung von Wasser in Wein oder die Erweckung der Toten oder die Heilung der Kranken wählte; Jesus offenbarte Sich Israel als der Messias, indem Er den Tempel reinigte. Ich möchte Sie daran erinnern, dass Johannes der Täufer zwar das Kommen von Einem voraussagte, der das „Lamm Gottes“ sei, „das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Genauso drängte er andererseits aber auch Männer und Frauen zur Buße, weil der Messias kommen werde, um die Welt zu richten. Der Jesus der Bibel, der „wirkliche“ Jesus, ist Einer, der barmherzig und gnädig zu denen ist, die an Ihn glauben und Ihm gehorchen. Er ist aber auch Der, der über diejenigen richten wird, die sich Ihm widersetzen und Ihn abweisen.

Die Verwandlung von Wasser in Wein und die Reinigung des Tempels zeigen uns ein breites Spektrum von Person und Werk unseres Herrn Jesus Christus. Er ist der sanftmütige und gnädige Erlöser, der das frischvermählte Paar vor der Schande bewahrte, indem Er Wasser in Wein verwandelte. Und Er ist auch der heilige und gerechte Richter, der Seine Feinde strafen und die Menschen für ihre Übeltaten zur Rechenschaft ziehen wird. Paulus schreibt:

Sieh also die Güte und die Härte Gottes: Härte gegenüber denen, die gefallen sind, aber Gottes Güte dir gegenüber; vorausgesetzt, du bleibst in seiner Güte, sonst wirst auch du abgehauen werden (Römer 11:22).

Hast du schon einmal über die Härte Gottes nachgedacht, die du als Sünder zu Recht verdient hast? Hast du schon die Güte Gottes empfangen in dem Geschenk Jesu Christi, der für deine Sünden am Kreuz von Golgatha starb? Ich bitte dich dringend, zum „Glauben“ an Ihn zu kommen, denn das ist der Zweck, zu dem Johannes dieses Evangelium geschrieben hat.

Anhang:
Gab es zwei Tempel-Reinigungen oder nur eine?

Wenn man den Bericht der Evangelien so nimmt, wie er geschrieben steht, gibt es offensichtlich zwei Tempelreinigungen. Die erste trug sich zu Beginn des irdischen Dienstes unseres Herrn zu und wird von Johannes beschrieben. Die zweite findet am Ende des öffentlichen Dienstes unseres Herrn statt und scheint der Auslöser für Seine Hinrichtung am Kreuz gewesen zu sein. Erstaunlicherweise haben viele Wissenschaftler anscheinend große Schwierigkeiten damit, dass es zwei Reinigungen geben soll. D.A. Carson bemerkt dazu: „Nur sehr wenige sehen es als wahrscheinlich an, dass es zwei Tempelreinigungen gab, eine kurz nach Beginn des öffentlichen Dienstes Jesu und die andere an dessen Ende (z.B. Hendriksen, S. 120; Morris, S. 188-191)“ (Carson, S. 177).

Meiner Meinung nach gibt es nur ausgesprochen schwache Gründe dafür, den „Eine-Reinigung“-Standpunkt zu vertreten.

Viele moderne Wissenschaftler haben große Schwierigkeiten mit der Aussage, dass Jesus den Tempel zweimal ‚reinigte’. So schreibt V.H. Stanton: ‚Wenn wir in unterschiedlichen alten Dokumenten zwei Berichte finden, die über verschiedene Zeitpunkte in vielerlei Hinsicht so ähnlich schreiben, dann ist es insgesamt äußerst wahrscheinlich, dass wir es mit verschiedenen Überlieferungen desselben Ereignisses zu tun haben.’ Und Bernard bemerkt: ‚Abgesehen von der Tatsache, dass das zweimalige Auftreten des gleichen Ereignisses unwahrscheinlich ist, fällt es uns auch schwer zu behaupten, dass sich speziell dieses Ereignis – oder irgend etwas in der Art – in einem so frühen Stadium während des Dienstes Jesu hätte zutragen können, wie es die traditionelle Kapitel-Reihenfolge im Vierten Evangelium nahelegt.’138

Den „Zwei-Reinigungen“-Standpunkt sollen wir auch deshalb verwerfen, weil es unlogisch sei anzunehmen, dass – nachdem es Jesus das erste Mal gelungen war, den Tempel zu reinigen – man dasselbe noch ein zweites Mal zugelassen hätte. Auch wenn Carson zur „Zwei-Reinigungen“-Ansicht neigt, zögert doch selbst er, dieses Thema dogmatisch zu behandeln:

Kurz gesagt: es ist nicht möglich, mit Sicherheit zu entscheiden, ob nur eine Reinigung des Tempels stattfand oder zwei; aber die Argumente für eine sind schwach und subjektiv, und die geradlinigste Auslegung der Texte spricht für zwei.139

Hendriksen (S. 120) bezieht eindeutig Stellung für zwei Reinigungen; ebenso wie Morris (S. 188-190) und Tasker. Taskers Einschätzung der Dinge finde ich sehr gut:

Johannes korrigiert nicht eine falsche Chronologie der früheren Evangelisten und er verändert auch nicht absichtlich deren Geschichte im Interesse seines theologischen Entwurfs. Wir dürfen vielmehr vernünftigerweise davon ausgehen, dass er eine zusätzliche ‚Reinigung’ beschreibt, die zu erwähnen die synoptischen Schreiber keine Gelegenheit hatten, weil sie nicht Teil der petrischen, galiläischen Überlieferung war, die sie verkörperten.140

Es bekümmert mich, dass die Theorie der einen Reinigung überhaupt von der konservativen Wissenschaft unterstützt wird. Der Text ist klar; und wer ihn als das inspirierte Wort Gottes akzeptiert, sollte auch seine Aussagen akzeptieren und sich nicht verpflichtet fühlen, sie zu verändern. Es ist überhaupt nicht schwer zu glauben, dass es zwei Reinigungen gab, eine zu Beginn und die andere am Ende des Dienstes unseres Herrn. Warum nur wollen manche Menschen – allein auf der Grundlage ihrer eigenen Voreingenommenheit – den Text in Frage stellen?

Müssen wir (wie Stanton gemäß dem Zitat in Fußnote 50) davon ausgehen, dass zwei Ereignisse, nur weil sie etwas ähnlich beschrieben werden, dasselbe Ereignis darstellen, auch wenn uns die Verfasser etwas anderes sagen? Wenn Jesus an einem Ort 5000 speiste und an einem anderen Ort 4000 – können wir dann nicht glauben, dass es zwei ähnliche, aber voneinander verschiedene Wunder gab? Wagen wir es wirklich, den inspirierten Text zu „korrigieren“, weil wir denken, dass dieses Wunder „zu früh“ im Verlaufe des Dienstes unseres Herrn kommt? Wer sind wir, dass wir sagen könnten, was Gott tun kann oder wann? Glauben wir wirklich, dass Jesus es nicht schaffen könnte, den Tempel zweimal zu reinigen? Niemand konnte Ihn festnehmen oder hinrichten, bevor es nicht „Seine Zeit“ war. Die Soldaten, die kamen, um Ihn festzunehmen, fielen vor Ihm nieder, als Er sprach. Wie können wir es also wagen zu denken, Er könnte nicht jeden Tag in den Tempel gehen und ihn reinigen, wenn Er es nur wollte? Die Einwände, die gegen ein wörtliches Verständnis der Texte vorgebracht werden, sind nicht nur schwach, sie sind anmaßend.


105 Bei diesem Tempel fand eine Art Reinigung durch Nehemia statt (Nehemia 13:4-9). Der Priester Eljaschib war ein Verwandter des Tobija und hatte diesem erlaubt, einen der großen Räume auf dem Tempelgelände zu nutzen. Der Raum war zuvor für die Lagerung von Opfergetreide, Gerätschaften, Weihrauch und anderen für die Opferung und den Gottesdienst benötigten Gegenständen benutzt worden. Nehemia warf Tobijas Güter hinaus, ließ den Raum reinigen und übergab ihn wieder seiner ursprünglichen Bestimmung.

106 Diese Worte sind in Lukas 2 nicht ausdrücklich zu finden; aus dem Zusammenhang heraus wird es aber so verstanden. In Johannes 2, Vers 16 wird es dann ganz eindeutig gesagt.

107 „Kapernaum … lag an der Nordwestküste von Galiläa, etwa sechzehn Meilen ost-nordöstlich von Kana; also gingen Reisende buchstäblich ‚hinab’ nach Kapernaum. Heute liegt an dieser Stelle Tell-Hum.” D.A. Carson, The Gospel According to John [Das Evangelium nach Johannes], (Grand Rapids: William B. Eerdmans Publishing Company, 1991), p. 176.

108 Hier wird Maria, die Mutter Jesu zum letzten Mal in diesem Evangelium erwähnt, bevor wir sie am Fuße des Kreuzes wiederfinden (Johannes 19:25-27).

109 Ich werde hier meine Zeit nicht damit verbringen, die Ansichten anderer zu widerlegen, die uns davon überzeugen wollen, dass die „Brüder“ unseres Herrn nicht Seine irdischen Halbbrüder Jakobus, Joseph, Judas und Simon sind (siehe Markus 6:3).

110 Morris glaubt, dass die Familie unseres Herrn möglicherweise nach Kapernaum gezogen ist und schreibt dazu: „Dafür könnte sprechen, dass in Markus 3:31ff. die Mutter und die Brüder unseres Herrn in Kapernaum erscheinen und dass in Markus 6:3 Jesu Brüder zwar namentlich genannt werden, aber nur von seinen Schwestern gesagt wird, dass sie in Nazareth bleiben. So etwas wäre zu erwarten, wenn die Schwestern inzwischen geheiratet hätten und der Rest der Familie später nach Kapernaum gezogen wäre.“ Leon Morris, The Gospel According to John [Das Evangelium nach Johannes], (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans Publishing Co., 1971), S.187, Fn. 42.

111 Danach – Der nächstliegende Gedanke ist der, dass sich die im Folgenden berichteten Ereignisse kurz nach der Hochzeit in Kana zutrugen. Das scheint allein aufgrund des Ausdrucks so, der hier gebraucht wird, denn der weist an anderer Stelle im Vierten Evangelium auf ein sich wenig später anschließendes Ereignis hin (11:11, 19:28). Diese Schlussfolgerung wird durch die unmittelbar folgenden Verse bestätigt, wo wir lesen: ‚Und das Passahfest der Juden war nahe, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem.’ Nun, das ist ganz logisch: Jesus verwandelte im Februar oder Anfang März das Wasser in Wein; von der Hochzeit in Kana aus geht er weiter nach Kapernaum, wo er einige Tage verbringt; dann folgt das Passahfest, das im frühen Frühjahr (etwa im April) abgehalten wurde. Wir können der Auffassung daher nicht zustimmen, dass die hier berichtete Reinigung des Tempels gegen Ende des Dienstes Christi stattfand und der entsprechen sollte, über die wir in Matthäus 21 lesen.“ William Hendriksen, Exposition of the Gospel According to John [Der Entwurf des Evangeliums nach Johannes], 2 Bd. (Grand Rapids: Baker Book House, 1953-1954), S. 120.

112 Im ersten Teil von Kapitel 2 verwandelte Jesus Wasser zur Reinigung in Wein. In der zweiten Hälfte des Kapitels reinigte Jesus den Tempel und die religiösen Führer „weinten“. Es scheint, als stelle Johannes der zeremoniellen jüdischen Reinigung Jesu Reinigung des zeremoniellen Judentums gegenüber.

113 „Johannes führt genau Buch über die jüdischen Feste. Außer den anderen Festen erwähnt er drei Passah-Feste (2:13, 6:4, 11:55), vielleicht sogar noch ein viertes (5:1). Dieses findet wahrscheinlich 28 n.Chr. statt.“ Carson, S. 176.

114 „… stimmt in diesem Falle sogar buchstäblich (indem man tatsächlich von 200 Meter unter dem Meeresspiegel am Galiläischen Meer bis auf 750 Meter über dem Meeresspiegel, die Höhe der Heiligen Stadt, hinaufging), es trifft aber niemals in einem religiösen Sinne zu.“ Hendriksen, S. 122.

115 „Das eigentliche Passah-Mahl ist so eng mit dem unmittelbar anschließenden Fest der Ungesäuerte Brote verbunden, dass der Begriff Passah häufig für beides zusammen benutzt wird. So lesen wir in Lukas 22:1, einer ganz entscheidenden Textstelle: ‚Nun kam das Fest der Ungesäuerten Brote heran, das das Passah genannt wird.’ Auch in Apostelgeschichte 12:4 (siehe den vorangehenden Vers) umfasst der Begriff Passah eindeutig das gesamte siebentägige Fest. Das Alte Testament bezeichnet das Passah ebenfalls als ein Fest von sieben Tagen“ (Hes. 45:21). Hendriksen, S. 121-122.

116 Siehe Deuteronomium 16:16.

117 Hendriksen, S. 121. Hendriksen fährt dann mit einer detaillierten Beschreibung der Vorgänge beim eigentlichen Passah-Mahl fort.

118 Carson, S. 178.

119 Hendriksen, S. 122.

120 „Bei dieser Gelegenheit nun stellt Jesus fest, als er den Tempel in Jerusalem betritt, dass der Hof der Heiden geradezu in einen Viehhof verwandelt worden war. Da waren der Gestank und der Dreck, das Blöken und Muhen der für das Opfer bestimmten Tiere.“ Hendriksen, S. 122.

121 Lebensmittelläden haben oft eine Bäckerei, und der Duft des frisch Gebackenen lockt einen in die Bäckerei, um dort einzukaufen. Wenn man zum Tempel kam, roch man die Opfergaben und den Duft der Räucherwaren (Lukas 1:9-11). Das roch sicher angenehm – nicht aber, wenn der Tempelhof zu einem Viehmarkt gemacht wurde.

122 Das griechische Wort, das Johannes hier benutzt, könnte man mit ‚Handelszentrum’ übersetzen. Die Tempelhöfe waren in ein Einkaufszentrum verwandelt worden.

123 Meiner Meinung nach will Johannes uns nicht zu verstehen geben, dass die Jünger dies sofort verstanden hätten, sondern dass sie am Ende – im Lichte Seines Todes und Begräbnisses und Seiner Auferstehung sowie durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes – zu diesem Verständnis gelangten (siehe Johannes 16:12-14).

124 „Dieser Gedanke wird unter Bezug auf Ps. 69 zum Ausdruck gebracht, der zu den sechs am häufigsten im Neuen Testament erwähnten Psalmen gehört (neben Pss. 2, 22, 89, 110 und 118). Verschiedene Stellen aus diesem Psalm (der in der LXX der 68. Psalm ist) hört man außerdem in Mat. 27:34 und 48, Mar.15:36, Luk. 23:36, Joh. 15:25 und 19:28, Rö. 11:9,10 und 15:3, Heb. 11:26, und in Off. 3:5, 13:8, 16:1, 17:8, 20:12 und 15 und 21:27 anklingen. Während einiges davon Zitate sind, handelt es sich an anderen Stellen um Anspielungen und mehr oder weniger indirekte Erwähnungen. Jesus selbst (15:25) zitiert Ps. 69:4, ‚Sie hassten mich ohne Grund’, und bezieht das auf seine eigenen Erfahrungen. In Erfüllung von Ps. 69:21 äußert er am Kreuz die Worte ‚Mich dürstet’ (19:28).“ Hendriksen, S. 123. Siehe auch Hesekiel 10:15-19, 11:22-23; Sacharja 14:21; Maleachi 3:1,3.

125 „Aus der Tatsache, dass man nicht erkannte, dass die Jünger die Worte des Psalmisten als Prophezeiung über Christi Tod ansahen, und statt dessen annahm, dass sie hier von der Kraft und Furchtlosigkeit Jesu sprachen, entsprang die spätere, unzulänglich bestätigte Lesart nach AV hat mich gefressen in Vers 17.“ R.V.G. Tasker, The Gospel According to St. John: An Introduction and Commentary [Das Evangelium nach St. Johannes: Einführung und Kommentar], (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans Publishing Company, 1980 [zehnter Nachdruck]), S. 63.

126 Siehe Appendix: „Gab es zwei Tempelreinigungen oder nur eine?“

127 „Gemeinsam mit anderen neutestamentarischen Schreibern entdeckt Johannes jedoch in den Erfahrungen Davids ein prophetisches Paradigma, das vorausnimmt, was sich im Leben von ‚des großen Davids noch größerem Sohn’ ereignen muss. Das erklärt, warum in 2:17die grammatische Zeit der Worte, die aus der LXX zitiert werden, ins Futur wechselt: Eifer für dein Haus wird mich verzehren. ... Für Johannes stellt zweifellos Jesu Tod die Art dar, wie dieser ‚verzehrt’ werden wird.“ Carson, S. 180.

128 „Dieser Ausdruck [‚die Juden’] kommt in den synoptischen Evangelien selten vor. In jedem von diesen wird einige Male der ‚König der Juden’ erwähnt und der Begriff ‚Juden’ ansonsten kaum benutzt. Im Johannes-Evangelium aber wird er über siebzig Mal benutzt. Dabei kann der Evangelist diesen Begriff manchmal in neutralem Sinne (z.B. 2:6, ‚die jüdische Sitte der Reinigung’), manchmal sogar in positivem Sinne gebrauchen (z.B. ‚Erlösung kommt aus den Juden’ 4:22). Noch öfter aber benutzt er ihn, um die jüdische Nation zu charakterisieren, wo sie Jesus gegenüber feindselig eingestellt ist. Damit muss er nicht notwendigerweise die gesamte Nation meinen. Tatsächlich bezieht es sich charakteristischerweise auf die Juden von Judäa, insbesondere auf die in und um Jerusalem.“ Morris, S. 130-131. Morris zitiert dann G.J. Cuming in einer Fußnote: Insbesondere trifft das auf die Hohepriester und die Pharisäer zu, die er als die erbittertsten Gegner unseres Herrn darstellt.’“ (S. 131, Fn. 2).

129 „Nach dem Bericht der Synoptiker beschuldigten falsche Zeugen Jesus bei seinem Prozess vor dem Sanhedrin der Worte: ‚Ich will diesen von Menschenhand gemachten Tempel zerstören und in drei Tagen einen neuen erbauen, der nicht von Menschenhand gemacht ist’ (Mar. 14:58 par.; vgl. Mar. 15:29). Der einzige Ort, an dem eine derartige Aussage aufgezeichnet ist, ist dieser Bericht von Johannes: Das Vierte Evangelium bietet hier ein Detail, das die Aussagen der Synoptiker bestätigt.“ Carson, S. 181.

130 „’Das ist nicht bloß die Tat eines jüdischen Reformers; es ist ein Zeichen dafür, dass der Messias gekommen ist’ (Hoskins).“ Morris, S. 196.

131 In unserem Text erweckt Sich unser Herr Selbst von den Toten: „Zerstört diesen Tempel, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufrichten“ (Vers 19, siehe auch Johannes 10:18). An anderen Stellen wird die Auferstehung unseres Herrn als das Werk des Vaters (Apostelgeschichte 2:24 u.a.) und des Geistes (Römer 8:11) angesehen. Die Auferstehung ist, wie die Schöpfung, ein Werk der Dreieinigkeit.

132 „Wir sollten hier auf die Verbindung der Worte achten, sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte; denn der Evangelist meint, dass der Vergleich zwischen der Schrift und dem Wort Christi ihnen half, Fortschritte im Glauben zu machen.“ Johann Calvin, Calvin’s Commentaries [Calvins biblische Kommentare], Band 7: The Gospels [Die Evangelien], (Grand Rapids: Associated Publishers and Authors Inc., n.d.), S. 630.

133 Morris, S. 96.

134 Paulus spricht hier kollektiv von der Kirche als dem Tempel Gottes.

135 Diesen Vers sollte man in Stein gravieren und in Neonlettern schreiben für jede Frau, die auf ihrem Recht zur Abtreibung besteht, weil es ja um „ihren“ Körper geht.

136 Ob bestimmte Dinge überhaupt je von Kirchenmitgliedern oder an Kirchenmitglieder verkauft werden sollten, ist eine andere Frage. In unserem Text geht es Jesus darum, wo die Tiere und Vögel verkauft wurden.

137 Verstehen Sie das bitte nicht als eine pauschale Verurteilung. Ich glaube aber schon, dass Christen viele säkulare Einrichtungen gerne annehmen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob diese wirklich eine biblische Basis haben.

138 Tasker, S. 61.

139 Carson, S. 178.

140 Tasker, S. 61.

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